Winterpalais

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Künstlerbücher aus der Sammlung Giovanni Aldobrandini - von 02.04.2014 bis 25.05.2014
Ausstellungsansicht © Belvedere, Wien
Ausstellungsansicht © Belvedere, Wien
Ausstellungsansicht, Foto: Ouriel Morgensztern © Belvedere, Wien
Ausstellungsansicht, Foto: Ouriel Morgensztern © Belvedere, Wien
Ausstellungsansicht © Belvedere, Wien
Wassily Kandinsky, Franz Marc: Der Blaue Reiter. Piper Verlag, München 1912 (Illustration: Entwurf zu „Komposition Nr. 4“ von Wassily Kandinsky ), Courtesy Sammlung Giovanni Aldobrandini, Foto: © Belvedere, Wien / © Bildrecht, Wien 2014
Carl Otto Czeschka - Franz Keim, Die Nibelungen. Dem deutschen Volke wiedererzählt von Franz Keim. Gerlach, Wien und Leipzig, 1908, Courtesy Sammlung Giovanni Aldobrandini, Foto: © Belvedere, Wien

Ausstellungsort: Winterpalais

Künstlerbücher als magische Orte der Sprache, der bildenden Kunst und der menschlichen Kommunikation stehen im Mittelpunkt der Ausstellung Zwischen den Seiten, die von 2. April bis 25. Mai 2014 im Winterpalais zu sehen ist. Kostbare und seltene Werke aus der Sammlung Giovanni Aldobrandinis, die erstmals in Österreich gezeigt werden, laden zu einem Streifzug durch die Geschichte des Künstlerbuchs im 19. und 20. Jahrhundert ein.
Die Exponate stammen aus einer über Jahre von Giovanni Aldobrandini zusammengetragenen Privatsammlung. Mit großer Sorgfalt zeichnet die Sammlung den historischen Verlauf dieser oft wenig bekannten, aber wichtigen künstlerischen Ausdrucksform nach und fasziniert mit aufwändig gestalteten Büchern von William Blake, Francisco de Goya, Pierre Bonnard, Oskar Kokoschka, Paul Klee, Henri Matisse oder Pablo Picasso. Originallithografien und ­stiche in limitierten, nummerierten Auflagen auf Velin d’Arches oder kostbarem Papier aus Japan und China – anfangs auf losen Blättern, in weiterer Folge veredelt durch wertvolle Einbände – zeigen einige der bedeutendsten Beispiele für Publikationen der wichtigsten künstlerischen Bewegungen dieser Kunstgattung.
 
Im späten 19. und frühen 20. Jahrhundert entwickelte sich – ausgehend von der Künstlerstadt Paris und dank innovativ denkender Verleger und Kunsthändler wie Ambroise Vollard, E. Tériade und Iliazd – der Gedanke, dass der bildnerische Teil auf einer Buchseite nicht nur als Unterstützung des Textes dienen, sondern autonom mit diesem in Dialog treten sollte. Malerei und Literatur galten als zwei komplementäre Mittel ein und desselben künstlerischen Ausdrucks. Maler, von Bonnard bis Picasso, von Matisse bis Maillol, die sich auch als Dichter und Schriftsteller betätigten und einander häufig kannten und in Kontakt standen, schufen die ersten bedeutenden illustrierten Bücher dieser Gattung. Die Ausstellung Zwischen den Seiten im Winterpalais zeichnet mit großer Sorgfalt den historischen Verlauf dieser künstlerischen Kreationen nach und fasziniert mit geschichtlichen Einblicken in die Kunstform Buch im Allgemeinen und interessanten Details zur Historie der Techniken Stich, Malerei, Grafik und Fotografie im Besonderen.
 
 
Künstlerbücher - Entstehung und Entwicklung
 
Das Künstlerbuch entstand in der Nachfolge der jahrhundertealten Tradition des illustrierten Buches. Von den Inkunabeln des 15. Jahrhunderts spannt sich der Bogen bis zu den Buchillustrationen des 19. Jahrhunderts, die Künstler wie Goya, Blake, Manet und Delacroix gestalteten. Später trugen Illustratoren von Art nouveau und Art déco zur Produktion edler, eleganter Bände bei.
 
Als Ausdrucksmittel der Avantgarden der Moderne wurde das Künstlerbuch im 19. und 20. Jahrhundert zu einem Ort des Experiments, wo sich Maler, Typografen, Dichter und Philosophen an neuen künstlerischen Formen des Lesens versuchten. Mit seinem zehn Doppelseiten umfassenden Langgedicht Le coup des dés setzte Stéphane Mallarmé ebenso einen Grund- und Meilenstein in dieser Kunstgattung wie der Begründer des Futurismus Filippo Tommaso Marinetti mit seinen typografischen Arbeiten. Frankreichs große Meister der Malerei wie z. B. Henri Matisse schufen die ersten Künstlerbücher in der Sprache der Maler.
 
In den 1920er-Jahren wurde von künstlerischen Strömungen, insbesondere jenen der Avantgarde wie den italienischen Futuristen, den russischen Konstruktivisten und Suprematisten, den Vertretern des Bauhaus, den deutschen Expressionisten und den Dadaisten, eine immer größere Anzahl von Büchern publiziert. Bücher wurden als Medien verstanden, die einerseits eine kommunikative Vernetzung der Künstler untereinander ermöglichten und andererseits Kunst einer breiten Öffentlichkeit näherbringen sollten. Daher lag das Hauptaugenmerk nicht darauf, besonders luxuriöse und teure Werke zu publizieren, sondern Bücher jeder Art – wobei aber auch diese häufig Originalstiche enthielten und in limitierter Auflage erschienen.
 
Unter diesen Avantgardebewegungen war der Surrealismus jene künstlerische Strömung, die den Künstlerbüchern die größte Aufmerksamkeit schenkte und durch ästhetisch innovative Bücher und die Einbindung von Fotografen wie z. B. Man Ray unterschiedlichste Ausdrucksformen einsetzte. Diese Bücher wurden zur persönlichen Äußerung der Künstler selbst. Damit konnten sie ihr Gestaltungsspektrum immer wieder erweitern und neue Chiffrierungen festlegen. Maler, Schriftsteller und Regisseure wie Tristan Tzara, André Breton, René Char und Jean Cocteau entwickelten in persönlichen Treffen zahlreiche Buchprojekte.
 
Nach dem Zweiten Weltkrieg verlagerte sich das Zentrum der modernen Kunst nach Amerika. Wenngleich auch in Europa weiterhin Künstlerbücher veröffentlicht wurden, nahmen doch die neuen amerikanischen Kulturströmungen – vom abstrakten Expressionismus bis hin zur Pop Art, von Alexander Calder und Ellsworth Kelly bis zu Jim Dine – diese Kunstform in ihren Besitz.
 
In den 1960er-Jahren gaben Pop Art, Fluxus, Arte Povera, vor allem aber die Konzeptkunst dem Künstlerbuch einen neuen Schub. Der Ansatz von Fluxus mit der Utopie, eine Kunst für jedermann zu sein, zeigte, wie Druckerzeugnisse für eine schnelle Verbreitung von Ideen und Strategien eingesetzt werden konnten.
 
Publikationen von Künstlern wie z. B. Ed Ruscha – heute als Book Arts bezeichnet – wurden wegen ihres originellen redaktionellen Konzepts geschätzt und vom Künstler ohne Zwang seitens des Verlegers gestaltet. Oft wurden die Texte von den Künstlern selbst verfasst, andere Materialien als Papier eingesetzt (Objektbücher) oder fotografische Kompositionen zu Photobooks konzipiert.
 
Auch zeitgenössische Künstler wie Antoni Tàpies oder Joseph Beuys befassten sich mit diesem Genre, aber auch Anselm Kiefer setzt sich immer wieder mit dem Künstlerbuch in traditioneller und innovativer Form auseinander. Der Bogen der Künstlerbücher spannt sich damit von der Konzeptkunst über die abstrakte Kunst, die Arte Povera und die Transavantgarde bis in unsere heutige Zeit.

 

BIOGRAFIE
 
Giovanni Aldobrandini
 
Geboren 1951 in Rom, studierte er ebendort Philosophie und anschließend Soziologie an der Columbia University in New York. Von 1979 bis 1992 war er als Professor für vergleichende Politikwissenschaft und englische Geschichte an der Freien internationalen Universität für Sozialwissenschaften (LUISS) in Rom tätig. In den Jahren von 2001 bis 2008 hatte er Lehraufträge in den Bereichen Geschichte des Pazifismus und Geschichte des Wohlfahrtsstaates an der geisteswissenschaftlichen Fakultät und der Fakultät für amerikanische Geschichte der Universität Sapienza in Rom inne, bevor er für seine Studien seinen Ph. D. in Politikwissenschaft an der LUISS erwarb.
Zu seinen Studienschwerpunkten, zu denen er zahlreiche Gastprofessuren an internationalen Universitäten wie der renommierten London School of Economics, der University of Cambridge oder des Aspen Institute Berlin absolvierte, gehören die Geschichte des viktorianischen England, die Geschichte des Wohlfahrtsstaates und des Pazifismus sowie die theoretische und ideologische Auseinandersetzung mit diesen Themen. Derzeit unterrichtet Giovanni Aldobrandini an der LUISS in Rom das Fach „Geschichte der politischen Doktrinen“.

 

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