Neues zu entdecken gibt es wieder im „Schatzhaus Mittelalter“, das 2007 als Schaudepot im Prunkstall des Belvedere eingerichtet wurde und erstmals einen kompletten Einblick in die bedeutende Mittelaltersammlung des Belvedere gibt. Die Studienausstellung widmet sich einem qualitätvollen Werk des Meisters von Heiligenblut im Besitz des Belvedere. Dieser anonyme Bildschnitzer, benannt nach dem berühmten Flügelaltar der Wallfahrtskirche von Heiligenblut am Großglockner, zählt zu den herausragenden Künstlern des frühen 16. Jahrhunderts im Alpenraum. Vermutlich aus dem Allgäu nach Brixen eingewandert, prägte er die Südtiroler Schnitzkunst der Spätgotik an der Wende zur Neuzeit wesentlich mit. Das Relief der heiligen Anna Selbdritt war Jahrzehnte lang in stark verschmutztem Zustand deponiert. Nach sorgfältiger Reinigung und Konservierung in den Werkstätten des Belvedere wird die Skulptur jetzt erstmals näher vorgestellt und in ihrer Bedeutung gewürdigt.
Die Bildform der Anna "selbdritt" (d.h. "zu dritt") vereinigt drei Generationen der Heiligen Sippe: Anna, deren Tochter Maria und das Jesuskind. Das im Spätmittelalter weit verbreitete Thema steht im Zusammenhang mit den theologischen Auseinandersetzungen um die Unbefleckte Empfängnis der Jungfrau Maria und zeugt von einem blühenden Annenkult. Bei der Restaurierung kam unter der dicken Schmutzschicht die originale Polychromie zum Vorschein. Die Skulptur war im Unterschied zum Heiligenbluter Altar keinen späteren Veränderungen durch Überfassungen ausgesetzt und vermittelt somit ein umfassendes authentisches Bild von der Fassungstechnik der Werkstatt.
Das Belvedere besitzt noch eine weitere kostbare Schnitzarbeit des Meisters von Heiligenblut - eine thronende Marienfigur, die noch auf eine Restaurierung wartet. Wie viel auch hier die Reinigung und Konservierung bringen würde, soll dem Besucher in der direkten Konfrontation beider Werke veranschaulicht werden.