Im Gespräch mit Angelina Siegmeth-Hrdlicka

"Sie wird mich überleben, was ich ihr eigentlich gar nicht vergönn, am liebsten täte ich sie mitnehmen", sagte Alfred Hrdlicka einmal - als Liebeserklärung an Angelina Siegmeth-Hrdlicka, die heute das eindrucksvolle Werk des österreichischen Ausnahmekünstlers verwaltet.

Belvedere: Die Belvedere-Ausstellung zeigt Alfred Hrdlicka als Steinbildhauer und präsentiert auch seinen letzten Stein. Die Ermordung des heiligen Nepomuk erinnert sehr an Michelangelos Sich befreienden Sklaven aus Florenz.
Angelina Hrdlicka: Michelangelo war sein Vorbild. Er hat auch Picasso sehr geschätzt. Oder Caravaggio, Tizian und andere Renaissancemaler - die hat er alle geliebt, aber vom Standpunkt des Bildhauers aus. Mit Rodin hat man ihm nicht kommen dürfen. Oder mit Canova, diese Pathetik - schrecklich. Aber Michelangelo, immer hat er die Händ' drauf gehabt, und immer sind die Wärter gekommen.

B: Greifen Sie seine Werke auch an?
AH: Natürlich. Das ist sehr wichtig für mich, da bin ich dem Alfred ganz nah.

B: Haben Sie sich zuerst in sein Werk verliebt?
AH: Nein, ich hab mich zuerst in den Alfred verliebt, ich war zwanzig und hab sein Werk kaum gekannt. Damals hab ich bei den Galerieabenden der Chobots mitgeholfen und für ein Buchprojekt vom Alfred die Einbände gestrickt und gehäkelt. Das war sehr lustig - und da hab ich ihn dann kennengelernt. Wurde anschließend auf Atelierfeste eingeladen und hab dann sein Werk wirklich kennengelernt. Erst später hab auch ich zu zeichnen begonnen und bin dann an die Hochschule für angewandte Kunst gegangen. Dort war ich erst bei Bazon Brock in der Vorschule. Der erzählte: "Wenn man auf einen Malgrund flüssige Schokolade aufträgt und mit der Zunge drüberfährt, dann spürt man, ob die Schokolade beim Auftragen heiß oder kühl war." Da hab ich mir gedacht, bin ich hier beim Demel als Zuckerbäckerlehrling oder soll ich da jetzt etwas zeichnen? Danach war ich beim Carl Unger, aber meistens bin ich zum Adolf Frohner in den Abendakt gegangen.

B: Und Ihr Mann hat Ihnen nie Unterricht gegeben?
AH: Nein, aber wir haben zusammen gearbeitet, nebeneinander gezeichnet, dieselben Modelle aus verschiedenen Perspektiven. Das war sehr spannend. 2007 wurden unsere Werke gemeinsam in der Galerie Chobot ausgestellt.

B: Als "Großmeister der Skulpturen", "Titan der internationalen Kunst" wird er bezeichnet, als einer der wichtigsten zeitgenössischen Bildhauer Österreichs. Was war seine Meinung als Professor im Hinblick auf die nachkommende Bildhauergeneration? Hat er an einen Schüler, an jemanden geglaubt?
AH: Also das hab ich nie von ihm gehört. Er hat an sich geglaubt. - Einige seiner Schüler hielt er allerdings für sehr begabt.

B: Als Künstler und als Mensch leise - politisch war Alfred Hrdlicka laut. Wie war das damals mit der Gründung der deutschen Linkspartei?
AH: In der österreichischen Politik hat er sich nicht wirklich engagiert. Im Jahr 1999 hat er einmal für die KPÖ kandidiert, da sind wir mit dem Tandem herumgefahren, er hat Autogramme gegeben und ich habe immer gerufen: "Hier kommt mein Mann, der Patriot!" Auf den Märkten waren wir auch, nur auf dem Brunnenmarkt, da hat man ihn nicht erkannt, da ist er mit seinem Schnurrbart nicht aufgefallen. Das hat ihn gewundert, bekannt zu sein war ihm wichtig, das hat ihm Spaß gemacht - Einmal haben sie uns nicht in die Disko reingelassen, da war er recht empört.

B: In die Disko?
AH: Er war ein leidenschaftlicher Tänzer - und ich auch. Zuerst oft im "Exil", dann im "Studio 35" auf der Lerchenfelder Straße. Gegen elf am Abend ist er aus dem Atelier gekommen, und dann sind wir tanzen gegangen, bis um drei, vier, das hat ihn entspannt, geschlafen hat er sehr wenig.

B: Haben Sie nie Urlaub gemacht?
AH: Eine "Kunstreise", das konnte ich mit ihm machen, aber "Urlaub" durfte ich es nicht nennen. Dass jemand nicht arbeiten wollte, hat er nicht verstehen können. Oder dass jemand arbeitet, nur um Geld zu verdienen. Wenn er mit seiner Kunst kein Geld verdient hätte, hätte er es trotzdem gemacht. Er hat immer gesagt, ein Tag, an dem er nicht im Atelier ist, ist ein verlorener Tag.

B: Gab es für ihn neben seinem Atelier noch andere wichtige Orte in Wien?
AH: Er war sehr gerne im Hawelka, um ausländische Zeitungen zu lesen, die FAZ, die Süddeutsche, auch die Zeit und die Welt, aber keine österreichischen Zeitungen. Und weil er gerne Espresso getrunken hat. Da wir früher keine Espressomaschine hatten, hat der Alfred einen großen Kaffeehauskult betrieben. - Und ins Museum ist er gegangen.

B: Was hatte er für einen Bezug zum Belvedere? Oder zum 20er Haus?
AH: Den Gustav Klimt hat er als Zeichner sehr geschätzt. - Und sein Gekreuzigter wurde in den 60er-Jahren für das 20er Haus angekauft, mit der Aufstellung war er allerdings sehr unglücklich. Das räumliche Umfeld seiner Arbeiten war ihm wichtig. Am liebsten hat er Kunst im öffentlichen Raum gezeigt.

B: Das Mahnmal gegen Krieg und Faschismus auf dem Albertinaplatz wurde während seiner Entstehung heftig angefeindet und kritisiert. Es polarisierte nicht zuletzt deswegen, weil es einen straßenwaschenden Juden zeigt - ein typisches Straßenbild von 1938, ein Bild, das für den Beginn der schrecklichen Judenhetze, der Judenverfolgung steht ...
AH: Das Mahnmal war für den Alfred sein wichtigstes Werk. Die Umbenennung des Platzes in Zilk-Platz hätte ihn gefreut. Der Zilk hat die Aufstellung der Arbeit ja letztendlich durchgesetzt - nachdem ihm der Alfred mit der Frage "Also ist der Dichand der Bürgermeister oder bist das du?" praktisch keine Wahl gelassen hatte.

B: Gab es einen Ausstellungswunsch, der unerfüllt blieb?
AH: Dass wir jetzt eine Ausstellung in Havanna organisieren können, berührt mich sehr, das hätte dem Alfred wahnsinnig gefallen. Die Politik war ihm neben seiner Kunst das Wichtigste, da hat er sich aufgegeben, da war er schonungslos, auch zu sich selbst.

 
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