Im Gespräch mit VALIE EXPORT

Wien ( APA) - Sie ist präsenter denn je: VALIE EXPORT, Pionierin der Medienkunst, die im Mai diesen Jahres ihren 70. Geburtstag feierte. Im Unteren Belvedere, ab 15. Oktober, und im LENTOS Kunstmuseum in Linz, ab 16. Oktober, wird ihr die Ausstellung Zeit und Gegenzeit gewidmet - eine umfangreiche Schau, bei deren Zusammenstellung sie intensiv mitgearbeitet hat. 


APA: Vor einigen Monaten haben Sie in einem Interview gesagt, das Ehrendoktorat, das Ihnen die Kunstuniversität Linz 2008 verliehen hat, würde "einiges wieder gut machen, das Linz und Österreich" Ihnen "angetan" hat. Im Moment bekommen Sie hierzulande mehr Anerkennung denn je...
VALIE EXPORT: Ich werde davon ja nichts einfach vergessen, aber manche Dinge sind mit der Zeit nicht mehr so wichtig, oder man kann sie aus einem anderen Blickwinkel sehen. Die Zeit war damals noch ganz anders und hat einfach andere künstlerische Arbeiten, Themen und Ästhetiken bevorzugt, mein künstlerischer Ausdruck entsprach nicht diesen damaligen Vorstellungen. Aber trotzdem macht es mir als Linzerin eine Freude, dass mich die Linzer Kunstuniversität durch das Doktorat ausgezeichnet hat.


APA: Stört es Sie, dass Sie meist mit Aktionen aus den späten 60er Jahren, mit dem Tapp- und Tastkino (1968) oder der Aktionshose Genitalpanik (1969) assoziiert werden und weniger mit neuen Arbeiten?
VALIE EXPORT: Es ist schon sehr störend, da es zeigt, dass viele Rezipienten hängen geblieben sind und gar nicht sehen, dass es ein ganzes Volumen an weiteren Arbeiten gibt - wie Filme für das Fernsehen, für das Kino, oder Installationen und Performances.


APA: Im Rahmen der Doppelausstellung in Wien und Linz wird auch auf Ihre früheren Arbeiten Bezug genommen. Inwiefern kann man den Aktionismus von damals in ein Museum übertragen?
VALIE EXPORT: Keine Ahnung, wie man das macht, das ist Aufgabe des Museums. In diesen beiden Ausstellungen zeige ich hauptsächlich Materialinstallationen der letzten 15 bis 20 Jahre. Natürlich kommen immer wieder Zitate von früheren Arbeiten dazu, wie aber auch konzeptuelle Fotografie, Zeichnungen oder andere Arbeiten. Performances sind bei diesen Ausstellungen nicht so stark präsent.


APA: Trotzdem zeigt das Untere Belvedere als Ausstellungs-Sujet die Aktionshose: Genitalpanik (1969), ursprünglich eine Performance, bei der Sie mit einer im Schritt stofffreien Hose und einem Maschinengewehr im Arm zu sehen waren.
VALIE EXPORT: Richtig, das Sujet hat das Belvedere ausgewählt. Das Plakat schlägt aber zeitgleich einen Bogen zu einer Installation, ich möchte auch sagen zu einer Skulptur, die erst vor drei Jahren entstanden ist und in Moskau bei meiner Einzelausstellung während der Biennale zu sehen war, die Skulptur Kalashnikov. Als Künstlerin verwende ich in meinem Ausdruck natürlich über Jahre hinweg immer wieder ähnliche Themen, Motive und Zeichen. Jedoch aber immer in einem unterschiedlichen Kontext, in unterschiedlichen Medien, und verschiedene Zusammenhängen, der Kontext ist variabel und kein rigides System. Ich nenne deshalb auch meine Arbeiten Anagramme, mediale, polyphone Anagramme.


APA: Besagte Kalashnikov-Skulptur, ein sich nach oben verjüngender Turm aus 105 Kalaschnikows, wird mit Videos von Exekutionen in China und militärischen Angriffen während des Irakkriegs ergänzt. Welche Überlegungen stehen dahinter, inwiefern ist Krieg ein Thema in Ihren Arbeiten?
VALIE EXPORT: Krieg selbst ist in meinen Arbeiten nicht detailliert dargestellt. Aber die gesellschaftlichen Regeln, die letzten Endes dann doch den Krieg provozieren, bzw. die Macht der Sprache, die ihre Spur noch lange nach dem Schweigen zeigt. Für mich war eine Rede von George Bush nach dem 11. September 2001 ausschlaggebend für das Projekt Die Macht der Sprache. In vielen Reden hat Bush davon gesprochen, den Terrorismus zu bekämpfen. Nach einiger Zeit sind die Reden vorbei, doch die Spur seiner Worte ist viel länger, weil diese Spur, dieser trail dann zeigt, wie man mit dem Terrorismus umgeht: Einerseits wird der Terrorismus stärker, andererseits wird er bekämpft, zusätzlich wird eine Angst geschürt.


APA: Sie haben in Interviews stets erwähnt, dass zahlreiche Ideen und Projekte von einst nie finanziell umgesetzt werden konnten. Planen Sie, diese Arbeiten eines Tages doch noch herauszukramen und zu realisieren?
VALIE EXPORT: Ich werde kommendes Jahr im Oktober im Kunsthaus Bregenz eine Ausstellung machen. Sie wird unter dem Titel Das Archiv von VALIE EXPORT stehen. Unter anderem werden wahrscheinlich auch frühere Ideen erstmals umgesetzt. Welche genau, muss ich noch entscheiden. Manche Ideen sind sehr reizvoll zu bauen oder zu realisieren, es war aber früher aus finanziellen Gründen nicht möglich. Es werden aber nur zwei oder drei Arbeiten sein, ohne viel Herumkramen. Auch die Zusammenhänge werden im Archiv sichtbar sein; Themen, die ich weiterentwickelt habe. Es ist quasi ein Erinnern an frühere Arbeiten, die ich dann weiter entwickelt habe, das Archiv ist ein Gedächtnis, das sich visualisiert.


APA: Sie haben sich in früheren Arbeiten oft nackt gezeigt, sich selbst verletzt, sind damit an Ihre Grenzen gegangen. Setzt man die Grenzen im Laufe der Zeit und mit zunehmendem Alter anders?
VALIE EXPORT: Alter hat ja nichts mit geistiger Potenz zu tun. Vor drei Jahren habe ich bei der Biennale in Venedig mit einem Laryngoskop die Aufnahmen meiner Glottis gezeigt, meiner Stimmritze beim Sprechen meines Textes visuell dargestellt, den Beginn der Stimme. Das Laryngoskop zeigt das Innere des Körpers, bringt ein inneres Bild des Körpers nach außen - das Bild vom Anfang der Stimmbildung, wenn der Atem aus dem Brustkorb dringt und sich die Glottis öffnet und schließt, bevor überhaupt die Laute durch die Architektur des Mundes geformt werden. Das ist eine sehr anstrengende, und sicherlich grenzgängige Performance. Ich kenne eigentlich keinen Künstler, keine Künstlerin in der Kunstgeschichte, der oder die dieses kleine anatomische Wunder so deutlich im Realbild gezeigt hat.


APA: Morgen, Mittwoch, findet ein Screening einiger Ihrer Videoarbeiten im Filmhauskino statt, veranstaltet von der Medienwerkstatt Wien in Kooperation mit dem Stadtkino. Danach stellen Sie sich auch einem Gespräch. Ist es Ihnen ein Anliegen, Ihr Wissen jungen Künstlern weiterzugeben?
VALIE EXPORT: Ganz bestimmt, immerhin mache ich nicht l'art pour l'art, sondern mein künstlerischer Ausdruck beschäftigt sich mit sozio-kulturellen Zusammenhängen, mein zentrales Interesse ist die Wahrnehmung und Auseinandersetzung verschiedener Kultur- und Gesellschaftsformen. Es ist sehr wichtig, darüber zu sprechen, wie Künstlerinnen und Künstler die neuen Medien anfangs eingesetzt haben, wie sich das Medium Video überhaupt erst erkenntlich gezeigt hat, und was mit den Medien ausgedrückt werden konnte. Filminstallationen zu machen war damals nicht selbstverständlich.


APA: Neben Ihrer neuen Skulptur im Theater an der Wien arbeiten Sie derzeit an der Gestaltung der Trophäe für den neuen Österreichischen Filmpreis, der Ende Jänner verliehen werden soll. Wie weit sind die Vorbereitungen bereits vorangeschritten?
VALIE EXPORT: Die Gestalt der Trophäe als solche ist schon fertig. Die genaue Materialbesprechung steht noch an, dann muss das Modell relativ schnell umgesetzt werden, weil die Zeit knapp ist und es doch eine aufwändige Trophäe ist. Bei der Gestaltung selbst habe ich mir vorgestellt, inwiefern ein filmischer Bezug möglich ist und in meine Vorstellung von skulpturalen Begriffen passt.


(Das Gespräch führte Angelika Prawda/ APA)

 
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