Atelier Herbert Boeckl

Atelier Herbert Boeckl
© Belvedere, Wien
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Herbert Boeckl (1894-1966) würde am 3. Juni 2014 seinen 120. Geburtstag begehen. Mit seinem vielfältigen Schaffen zählt er zu den Hauptvertretern der österreichischen Moderne. Sein Werk spannt einen Bogen von der Zeit des Ersten Weltkriegs bis in die 1960er-Jahre. Neben Porträts, Landschaften, Aktfiguren und Stillleben schuf Boeckl eine Vielfalt von originären Motiven. Von 1928 bis zu seinem Schlaganfall 1964 arbeitete der Künstler in seinem Wiener Atelier in der Argentinierstraße 42 im vierten Bezirk. Sein Arbeitsplatz präsentiert sich heute noch im Originalzustand, so wie ihn der Künstler verlassen hat. Staffeleien, alte Farbtuben, Pinsel, Bücher und weitere Malutensilien wie Einrichtungsgegenstände sind in situ zu sehen.

 

Den Ausblick aus dem Atelier, den Herbert Boeckl in vielen Bleistiftzeichnungen festgehalten hat, die heute u. a. zur Sammlung des Belvedere gehören, können die Besucher vor Ort selbst nachvollziehen. Auch sein Großes Familienbild, für das alle Familienmitglieder im Atelier Modell stehen mussten, entstand hier. Das Thema Familie beschäftigte ihn bis 1945 immer wieder. Malend setzte er sich mit seinem und dem Leben seiner Familie auseinander. Viele Arbeiten zeigen seine auf neun Kinder anwachsende Familie. Die Kinder werden oft skizzenhaft mit Bleistift und Kohle in unbeobachteten Momenten festgehalten. Die schönsten und bedeutendsten der zahlreichen Porträts stellen die Frau des Malers dar. Das Bildnis der Verlobten steht am Anfang einer Reihe, der zahlreiche Bilder, auch Selbstporträts, folgen. Nach 1945 malte Boeckl kein einziges Bildnis eines Familienmitglieds mehr, auch seine eigene Person nur mehr einmal, im Jahr 1948.

Die für den Künstler charakteristische Vehemenz und seine Kompromisslosigkeit führten zur Herausbildung einer Kunstform, die eine singuläre, individuelle Ästhetik verfolgt. Dynamik und Gestik sind dabei die wesentlichen Gestaltungselemente, die nicht nur das reiche malerische Werk, sondern auch die Vielzahl von Aquarellen und Zeichnungen charakterisieren, die Herbert Boeckl geschaffen hat. So ragt die 1931 entstandene, außergewöhnliche Serie von Szenen der Anatomie singulär aus der österreichischen Kunstlandschaft. Wenige Jahre später erhielt der Künstler für ein Altarwerk den Großen Österreichischen Staatspreis. Noch im Spätwerk setzte Boeckl neue künstlerische Akzente. Er rang sich zu einer sehr persönlichen Auseinandersetzung mit dem Kubismus durch. Monumentale Gemäldezyklen und Gobelinentwürfe begleiten diese Zeit. Das Hauptwerk der späten Jahre ist der Freskenzyklus der Engelskapelle in der Basilika der Abtei Seckau. Boeckls Ansichten zu Kunst und Ästhetik wurden für die Generation der Künstler in Österreich nach 1945 prägend.

1935 wurde Herbert Boeckl an die Akademie der bildenden Künste in Wien berufen und leitete dort bis 1939 eine Meisterschule für Malerei. Von 1939 bis 1964 betreute er den so genannten Abendakt, der von den Studierenden aller Klassen der Akademie besucht werden musste, darunter Agathe von Auersperg, Walter Eckert, Karl Kreutzberger, Sepp Orgler, Stefan Pichler, Carl Unger, Fritz Wieser und Grete Yppen. In den Jahren 1945/46 und 1962-1965 war er Rektor der Akademie.

Das Atelier war ein wichtiger Ort der Inspiration für Herbert Boeckl. Selbst als aufgrund von Kriegsschäden die Fenster zerbrochen waren, arbeitete der Künstler bei Kälte unbeirrt weiter. Ein Besucher, der an seinen Bildern interessiert war, berichtet 1945: „Boeckls Atelier […] ist unbeschädigt geblieben, nur die Scheiben der hohen Fenster sind zertrümmert. Infolgedessen, da die Witterung jetzt sehr rau ist, eisige Kalte im ungeheizten Raum. Heute war Schneegestöber bei beißendem Wind. Die Flocken wirbelten bis in die Mitte des Zimmers. Boeckl lässt sich durch nichts von seiner Arbeit abhalten. Er hat seine Malereien und Zeichnungen im Keller der Akademie der bildenden Künste geborgen und konnte daher nur die Tafeln zeigen, die ihn gegenwärtig beschäftigen. Es sind die beiden Seitenstücke eines Flügelaltars, aus Holz, jedes beidseitig bemalt. […] Ein tiefer, wahrhaft frommer Mensch hat diese Bilder gemalt.“ 1

Der Künstlerin und Muse der letzten Jahre des Malers, Marie-Cécile Boog, ist der Erhalt des Ateliers zu verdanken. Die Bildhauerin und Schülerin Fritz Wotrubas, die von 1951 bis 1956 an der Akademie der bildenden Künste studierte, beließ nach Herbert Boeckls Tod alles im Originalzustand. Dank der Großzügigkeit des Hausbesitzers, Herrn Ing. Koch, war es dem Belvedere möglich, das Atelier weiterhin zu erhalten. Die Möbel und die Malutensilien wurden sorgfältig restauriert und geben einen eindrucksvollen Einblick in die Arbeitswelt dieses bedeutenden Malers.

 

1 Vladimir Harchel, "Besuch bei Herbert Boeckl", 7. März 1945, Kopie im Archiv der Österreichischen Galerie Belvedere, Wien.

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