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Ausstellungen

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Mehr als ZERO

Hans BISCHOFFSHAUSEN

08. Oktober 2015 bis 14. Februar 2016
Orangerie, Unteres BelvedereBelvedere
Die Ausstellung widmet sich den bildnerischen Hauptwerken des Multitalents Bischoffshausen. Aufgezeigt werden die künstlerischen Wechselbeziehungen zu Malerkollegen der Nachkriegsavantgarde aus Frankreich, Deutschland, Italien und Holland. Bischoffshausens reduziertes, die Grenzen der Malerei auslotendes, materialbezogenes Schaffen hatte er im Zusammenhang mit seinen Reisen nach Italien und Frankreich bereits sehr früh entwickelt. Ausstellungsbesuche in Galerien von Venedig und Mailand legten den Grundstein zu einer Kunst, die immer weiter die Grenzen der Malerei ertastete. War sein Schaffen anfänglich noch von einer gestischen, abstrakten Malerei geprägt, fand er mit Materialien wie Sand, Zement, Lochungen oder Brandspuren zu einer neuen Formensprache, die sich mit den Zusammenhängen von Schrift und Bild beschäftigte.
Die Freundschaft mit dem italienischen Avantgardekünstler Lucio Fontana, der durch seine Schnittbilder weltberühmt wurde, öffnete Bischoffshausens Werkbegriff, an dem er nach seinem Umzug nach Paris 1959 konsequent weiterarbeitete. Bischoffshausen fand rasch Eingang in die französische Künstlerszene. Der bildende Künstler und ZERO-Vertreter Bernard Aubertin wurde zu einem wichtigen Wegbegleiter. Zwischen 1962 und 1965 nahm Bischoffshausens Karriere einen intensiven Verlauf, Ausstellungen in Frankreich und Deutschland sowie Beteiligungen in Italien waren die Folge. Kontakte zur internationalen Künstlergruppierung NUL um Jan Schoonhoven ermöglichten ihm, auch in Holland künstlerisch zu reüssieren. Ebenso sind seine Freundschaften mit Herman de Vries oder Heinz Mack Thema der Ausstellung.

Bischoffshausen gehört heute neben seinem Künstlerfreund Erwin Thorn zu den wenigen österreichischen Vertretern der ZERO-Bewegung. Dass Bischoffshausen genau wusste, in welche Richtung seine Kunst gehen würde, zeigt jene Anekdote, die er seinen Schwiegereltern in einem Brief übermittelte: „Ein Galerietrottel sagte zu mir: was wollen Sie? Was Sie machen ist das Ende der Malerei […] Sie irren sich, habe ich geantwortet, hier beginnt die moderne Malerei überhaupt erst.“ Seine individuelle Ikonologie des Materials und seine konzeptuelle Neuorientierung in der Kunst vor und nach 1968 machten ihn zu einem der wesentlichen Vertreter der Avantgarde. Die Ausstellung versucht, den Bogen von den ersten Materialbildern der 1950er-Jahre bis zur Pariser Zeit der ZERO-Bewegung zu spannen. Erstmals werden auch die 1970er- und 1980er-Jahre beleuchtet. Die Aufarbeitung des umfassenden Archivs von Ernst und Heide Hildebrand ist wesentliche Basis der Begleitpublikation und damit Teil der fortlaufenden Forschung zur Kunst der Nachkriegszeit, die erneut einen in Europa zu Unrecht wenig bekannten österreichischen Künstler ins Zentrum stellt.

Die Galerie Ernst Hildebrand

Mehr als ZERO – Hans BISCHOFFSHAUSEN ist auch die Erzählung über die Freundschaft und die beratende Zusammenarbeit zwischen Bischoffshausen und dem Galeristenpaar Heide und Ernst Hildebrand zugrunde gelegt. Über 250 Dokumente, wie Briefe, Fotos und Ausstellungsfolder, zeugen von der engen Beziehung der Galerie zum Künstler. 1961 eröffneten Heide und Ernst Hildebrand mit ihrer Galerie in Klagenfurt einen der ersten Kunstorte in Österreich, deren Programm von vornherein auf radikale Moderne und Avantgardekunst ausgelegt war. Die Eröffnungsausstellung mit dem Titel 10 Jahre Bischoffshausen entsprach der ursprünglichen Intention, befreundeten Künstlern eine Plattform zu bieten, denn das Ehepaar stand zu diesem Zeitpunkt bereits seit einigen Jahren in engem Kontakt mit Bischoffshausen. 1957 hatten sie ihn anlässlich seiner ersten Personalausstellung in der Galleria del Cavallino in Venedig kennengelernt.
Nach einer anfänglichen Konzentration auf Grafik bildete die Galerie schon früh einen Schwerpunkt mit Kunst der holländisch-deutschen NUL- bzw. ZERO-Bewegung. So wurde die Galerie Hildebrand zu einer der ersten Galerien außerhalb Deutschlands und der Niederlande, die ihre Räume für ZERO öffneten. Bereits 1962, ein Jahr nach der Gründung der kleinen Galerie, kam es zur ersten Ausstellung einer der international avantgardistischsten und radikalsten Kunstströmungen, vertreten durch die holländische Gruppe NUL. Neue holländische Tendenzen hieß die Ausstellung, in der mit Armando, Henderikse, Henk Peeters und Jan Schoonhoven beinahe die gesamte NUL-Gruppe vertreten war. Das Klagenfurter Publikum, für das schon die vorherigen Ausstellungen abstrakter Kunst ungewohnte und schwer verdauliche Kost gewesen waren, konnte die Neuen holländischen Tendenzen nur schwer verkraften.
So schrieb Dr. Lee Springschitz, damals Direktorin der Kärntner Landesgalerie, die auch als Kunstkritikerin bei der Neuen Zeit tätig war: „Gemeinsam mit Ives [sic!] Klein […] und Aubertin […] gehören die vier Holländer zu jener extremen Gruppe, deren Schöpfungen bestenfalls interessante handwerkliche Experimente darstellen, den Anspruch auf Kunst jedoch nur in bescheidenem Maße erheben können, so weit eben, als ihr schöpferischer ‚Einfall‘ reicht; als Zeugnisse einer neuen Ästhetik, wie sie für unsere Epoche typisch ist und aus dem Leben unserer Zeit auch kaum mehr gestrichen werden könnte, sind ihre Leistungen beachtlich. Sie orientieren, und zwar vorzüglich und qualitätvoll.“
Vollkommen empört war hingegen Walther Nowotny von der Volkszeitung, der sich unter dem Titel Seiltänzer am Meeresgrund darüber ausließ, dass beispielsweise ein Bild von Henderikse nicht mehr wert sei als die sechs Deutschen Mark, die die aufgeklebten Pfennige zusammen ergeben würden. Er endete mit dem Absatz: „Die vier Künstler geben auch eine Zeitschrift heraus, ‚0 – Null‘, bezeichnen sich also als Nullen. Ja – da möchte ich nicht widersprechen. Der Titel meines Berichtes hat mit dem Bericht nichts zu tun. Warum nicht? Die ausgestellten Werke haben mit Kunst auch nichts zu tun.“ Doch Heide und Ernst Hildebrand ließen sich in ihrem Weg nicht beirren. Sie hatten mit ihrem untrüglichen Kunstsinn das Potenzial von ZERO schon früh erkannt und sich quasi von der Stunde null an für die avantgardistische Bewegung begeistert. Mittlerweile ist die Kunst der ZERO-Gruppe nicht nur kunsthistorisch, sondern auch auf dem Kunstmarkt anerkannt und erfolgreich. Die jüngsten ZERO-Ausstellungen, beispielsweise im Guggenheim Museum New York, im Martin-Gropius-Bau in Berlin sowie im Stedelijk Museum Amsterdam, belegen die Kunstbewegung als eine der wichtigsten des 20. Jahrhunderts.
Kaum eine österreichische Galerie widmete sich zu dieser Zeit den ZERO-Künstlern. Daher präsentiert die Ausstellung im Belvedere wesentliche Vertreter, die die Galerie damals ausstellte und mit denen Bischoffshausen und das Ehepaar Hildebrand eng verbunden waren. Dazu zählen Lucio Fontana, Yves Klein, Piero Manzoni, Jan Schoonhoven, Henk Peeters, Herman de Vries und Bernard Aubertin.
Auch ein Auftrag für ein dreißig Meter langes Relieffries im damaligen Neubau der chirurgischen Abteilung des LKH Klagenfurt, den der Architekt Ernst Hildebrand 1961 an Bischoffshausen erteilte, entstand im Zuge der Zusammenarbeit. Dieses aus zwölf Tafeln bestehende umfangmäßig größte Werk Bischoffshausens mit dem Titel Champ d’Energie wurde 2001 für eine Restaurierung entfernt und erst 2010 im Foyer des neuen Klinikums Klagenfurt wieder zugänglich gemacht.

Monochromie und Ekstase

Mit seiner Übersiedlung nach Paris 1959 begann für Hans Bischoffshausen eine neue Schaffensphase. Struktur, Monochromie und Reduktion bestimmten seine Arbeiten, und mit Weiß in Weiß angelegten Energiefeldern ging er bis an die Grenze des Sichtbaren. „Ich treibe die Askese des Weiß bis zum Ende“, beschrieb der Künstler seine Intention. Sein Ideal war das Bild, das nicht mehr fotografierbar ist. Die wellig-weichen, schwingenden, sich oft zu den Bildrändern hin verflüchtigenden Strukturen, bisweilen versehen mit angeschmorten Löchern und Brandstellen wie nach einer kultischen Verwendung, faszinieren damals wie heute. Seine Materialbilder entstanden, die Bildflächen wurden gelocht, gebrannt, die Bildinhalte auf das Wesentliche reduziert. Diese plastische Erweiterung der Bildfläche führte zur Auflösung der Trennung von Bild und Raum.
In all seinen reduzierten Strukturbildern formulierte der Künstler große Themenbereiche wie Raum, Zeit, Energie und Stille. Dass Stille für Hans Bischoffshausen eine Voraussetzung für jede Hinwendung zum Wesentlichen war, veranschaulicht seine einminütige Schweigeaktion in der ORF-Sendung Club 2 am 26. September 1979 anlässlich des Todes eines Künstlerfreundes. Das Schweigen führte vor Augen, dass dort, wo die Selbstinszenierung unserer Zivilisation im Vordergrund steht, weit und breit kein Hintergrund erkennbar ist. Mit seiner Rückkehr nach Kärnten 1972 wendete sich Bischoffshausen vorerst von der Farbe Weiß ab. Reliefbilder in Gold und Rot entstanden. Ab 1975 setzte er sich mit der Kreuzform auseinander. Anfang der 1980er-Jahre kehrte der Künstler wieder zur Farbe Weiß zurück und vereinfachte seine künstlerischen Mittel. Er unternahm etliche Reisen, etwa nach Taiwan. Eindrücke dieser Reise verarbeitete er in der Serie Taiwan-Report. Immer stärker isolierte sich Bischoffshausen vom Kulturbetrieb, und seine letzten Lebensjahre waren besonders durch gesundheitliche Probleme gekennzeichnet. Eine fortschreitende Sehnervzerstörung führte schließlich zur Erblindung. Am 19. Juni 1987 starb Hans Bischoffshausen in Villach.
 

ZERO

1958 formierten sich Heinz Mack und Otto Piene zur Düsseldorfer Künstlergruppe ZERO. Im Jahr 1961 stieß Günther Uecker dazu. ZERO bezeichnete eine Phase des Schweigens und der Stille, eine Zwischenzone, in der ein alter Zustand in einen neuen übergeht. Die Mitglieder der Gruppe erzeugten mit ihren lichtkinetischen Objekten, die in den Raum greifen und diesen mit einbeziehen, eine neue, puristische Ästhetik, die in der Erscheinung zwischen Bild und Skulptur anzusiedeln ist und auf Op-Art und Kinetik prägend wirkte. Sie vernetzten sich mit Künstlern wie Lucio Fontana aus Mailand oder Yves Klein aus Paris zu einer schlagkräftigen Avantgarde. Frühe Anerkennung in Museen in Leverkusen (1960) und Amsterdam (1962) machte sich bezahlt. 1966 löste sich die Gruppe auf, nachdem sich die künstlerischen und biografischen Wege ihrer Mitglieder getrennt hatten. Piene, Mack und Uecker stellten bis in die 1970er-Jahre auf Biennalen und auf der Documenta aus.
Bischoffshausen war erst über die italienische Avantgarde in die Nähe der ZERO-Bewegung gelangt. Dass er nicht in den wichtigen frühen deutschen Ausstellungen der Künstlergruppe vertreten war, ist heute kein Argument mehr, ihn für die damalige Zeit nicht zum engeren Kreis der ZERO-Künstler zu zählen, war er doch in den Epizentren Mailand und Paris durchaus in ZERO-Gruppenausstellungen präsent. Die Wertschätzung Lucio Fontanas in den späten 1950er-Jahren wirkte nach, genauso wie Bischoffshausens Kontakt zu Henk Peeters, der den Künstler 1963 in der Zeitschrift NUL=0 vorstellte. Bischoffshausens Verbindung zur holländischen Künstlergruppe NUL hatte Auswirkungen auf seine Arbeitsweise. Hier sah er Künstler, die mit seriellen Strukturen operierten, die Frage nach dem Zufall in der Kunst stellten, neue Materialien verwendeten und mit den Elementen Wasser, Erde, Feuer und Luft experimentierten.
Bischoffshausens späte internationale Anerkennung innerhalb der ZERO-Gruppe mag eher an Definitionsfragen gelegen haben. Wenn man ZERO als eine Bewegung aus künstlerischen und individuellen Beziehungen interpretiert, dann war Bischoffshausen sicher ein Teil davon. Dennoch war ihm eine wichtige frühe Ausstellungsbeteiligung zusammen mit der deutschen ZERO-Gruppe trotz aller Wertschätzung nicht beschert.