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title: „Eine Generaldirektorin ist nur ein Rädchen im Getriebe“
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# „Eine Generaldirektorin ist nur ein Rädchen im Getriebe“

![Bild](https://www.belvedere.at/sites/default/files/styles/full_width/public/2026-10/Portr%C3%A4t_Stella%20Rollig_OB%20Marmorsaal_queer9363_Gianmaria%20Gava.jpg.webp?itok=dLV3-b-P) 

Stella Rollig im Gespräch mit Nina Schedlmayer

**Kategorie:** Perspektiven

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**Veröffentlicht:** 04.11.2026

**Lesezeit:** 6 Min. lesen

Als Stella Rollig 2017 ihr Amt als Generaldirektorin und wissenschaftliche Leiterin des Belvedere antrat, war klar: Sie würde einiges neu denken, neu gestalten. Mit originellen Zugängen zur Sammlung, einem frischen Blick auf die Kunstgeschichte und einem Sensorium für Diversität steuert sie den Tanker durch eine turbulente und konfliktbeladene Gegenwart. Belvedere Stories sprach mit ihr über neue Erkenntnisse, zehn Jahre Museumsarbeit und einen Gegenstand, den sie ihrer Nachfolgerin überreichen würde. Denn Mitte Jänner 2027 verabschiedet sie sich.

**Interview:** Stella Rollig Nina Schedlmayer

**Fotos:** © Belvedere, Wien

**Header-Bild:** © Gianmaria Gava / Belvedere, Wien

**Belvedere Stories: Sie leiten nun fast zehn Jahre das Belvedere. Da kennen Sie das Haus und seine Mitarbeiter\*innen wohl in- und auswendig. Was hat Sie zuletzt überrascht?**

**Stella Rollig:** Es klingt eigenartig, aber: Mich hat zuletzt überrascht, wie viel Arbeit es ist, eine Ausstellung zu machen. Abgesehen von meiner Reihe *„Carlone Contemporary“* war ich jetzt zehn Jahre kaum als Kuratorin tätig. Aber im Frühling kuratierte ich gemeinsam mit Luisa Ziaja die Ausstellung *„Stellprobe“* im Belvedere 21, eine Mordsarbeit! Die Details, die Kuratorinnen leisten – abgesehen von Konzeption der Ausstellung und Auswahl der Werke: unzählige Texte schreiben und kontrollieren, Installationsdetails festlegen, mit Sicherheitsleuten und Art Handlern sprechen, tausende Sachen mehr. Das hatte ich nicht mehr in der täglichen Übung. Gleichzeitig bekam ich wieder wahnsinnig Lust darauf.

**Hat sich das Kuratieren in den vergangenen zehn Jahren verändert?**

Die Anforderungen und Umstände, unter denen Ausstellungen entstehen, haben sich deutlich verändert. Rechtsthemen und Fragen der Sicherheit sind relevanter geworden, überhaupt die Bürokratie.

**Und die Museumsarbeit im Gesamten?**

Die hat sich enorm verändert. Transport und Sicherheit kosten viel mehr als früher. Weniger bekannt ist, dass immer neue gesetzliche Bestimmungen – von Urheber- und Nutzungsrechten bis zu Ausschreibungen für Beauftragungen – teure anwaltliche Begleitung erfordern. Zudem erfordert die Arbeit im Museum heute Achtsamkeit in Bezug auf Diversität und Inklusion, die am Beginn meiner beruflichen Laufbahn – ich bin jetzt 40 Jahre in der Kunstwelt aktiv – noch nicht so eine Rolle gespielt hat. Dass sie an Bedeutung gewonnen hat, ist eine sehr wichtige gesellschaftliche Entwicklung. Sie erzeugt aber auch ein Aktionsfeld, das es früher so nicht gab. Gesellschaftliche Verhandlungen und politischen Konflikte werden unerbittlicher ausgetragen. So wirkt sich beispielsweise der Gazakrieg, der infolge des Hamas-Angriffs auf Israel ausbrach, auch auf die Museen aus. Aus einer Angst heraus, etwas falsch zu machen, sind viele daher unpolitischer geworden.

![Luisa Ziaja, Stella Rollig und Heimo Zobernig stehen nebeneinander in der Ausstellung „Stellprobe“. Rechts spiegeln sich die drei Personen in einer glänzenden roten Wand. — Luisa Ziaja, Stella Rollig und Heimo Zobernig (v. l. n. r.) in der Ausstellung „Stellprobe“. — © eSeL.at / Lorenz Seidler](https://www.belvedere.at/sites/default/files/styles/full_content_width_no_crop/public/2026-11/eSeLat_Belvedere21_Stellprobe_2287.jpg.webp?itok=4BABIUU-)

**Auch im Belvedere wurde diese Auseinandersetzung mehrfach geführt; es gab Absagen und offene Briefe.**

Andere machen ein Programm, bei dem die Gefahr einer solchen Auseinandersetzung gar nicht besteht. Aber wir sind eben ein Museum, das zeitgenössisch und gesellschaftspolitisch wach ist und gehen damit auch politische Risiken ein. Wenn dabei ein Konflikt entsteht, muss man bestmöglich damit umgehen – auch wenn er eine große Belastung ist.

![Stella Rollig gestikuliert während einer Führung durch die Schausammlung des Oberen Belvedere. Neben ihr stehen Bundespräsident Alexander Van der Bellen und Doris Schmidauer. — Stella Rollig mit Bundespräsident Alexander Van der Bellen und Doris Schmidauer im Oberen Belvedere, 2018. — © Sandro Zanzinger / Belvedere, Wien](https://www.belvedere.at/sites/default/files/styles/full_content_width_no_crop/public/2026-10/_93A8058belvedere_schausammlung_Sandro%20E%20E%20Zanzinger.jpg.webp?itok=KTDoVxHL)

**Ihr Anspruch an das Belvedere war von Anfang an, auch in der Fachwelt einflussreich zu sein. Welche Ausstellungen waren dafür besonders wichtig?**

Meiner Meinung nach müssen Museen Neues erarbeiten, Kunst präsentieren, die nicht schon in alle Richtungen vermessen und ausgeleuchtet ist. Als ich im Belvedere anfing, war gerade eine Ausstellung zum Klimt-Jubiläum 2018 in Planung. Sie sollte etwas mit Gold zu tun haben. Doch ich dachte, wir müssten diesem Klimt-Jahr anders gerecht werden als die alten Klischees zu perpetuieren – wenn man anfängt in der Leitung eines so bedeutenden Hauses, steht man unter Druck und ist gleichzeitig voller Visionen. Wir beleuchteten, dank einer fruchtbaren Diskussion mit dem Kurator Alexander Klee, in der dann realisierten Ausstellung „*Klimt ist nicht das Ende*“ das Weiterleben von Klimts Erbe in transeuropäischen Netzwerken, mit einer Reihe osteuropäischer Künstler\*innen. In Wien war die Reaktion verhalten, in Rezensionen wurde sogar bemängelt, dass man viele Künstler\*innen nicht kenne – ich dachte mir, genau, darum geht es ja! Als die Ausstellung danach ins Bozar nach Brüssel ging, freute man sich dort dagegen über den neuen Blick auf Klimt. Bei den großen Ausstellungen fand ich „*In the Eye of the Storm. Modernismen in der Ukraine*“ 2024 ein wichtiges politisches Signal, und zweifellos im Gedächtnis bleibt „*Stadt der Frauen*“ 2019, kuratiert von Sabine Fellner: Das wurde eine Referenzausstellung.

**Welche zentralen Erkenntnisse haben Sie im Belvedere darüber gewonnen, wie so ein Museumstanker funktioniert?**

Schon als Leiterin des Lentos Kunstmuseum Linz erfuhr ich: Eine Generaldirektorin ist nur ein Rädchen im Getriebe. Sie dreht zwar am Steuerrad, aber jede Institution hat ein starrsinniges Eigenleben. Es braucht viel Zeit und anhaltende Energie, um den großen Kurs zu ändern. Zugleich muss einem klar sein, und das ist schmerzhaft, dass man nicht von allen geliebt wird, weder intern noch in der Öffentlichkeit. Es gibt zum Beispiel kein Unternehmen, in dem alle mit der Kommunikation zufrieden sind, und der Flurfunk ist unwiderlegbar. Wenn man in der Öffentlichkeit steht, wird man beurteilt – auch damit muss man leben. Was mir auch bewusst wurde: Österreich ist unbedeutend. Selbst seine großen Institutionen kommen in internationalen Medien kaum vor.

**Wobei aber gerade Florentina Holzinger international Furore machte, und ArtNews im Vorjahr Wien als „wichtigste Kunststadt Europas“ bezeichnete.**

Was Holzinger betrifft, stimme ich zu. Aber dass Wien die wichtigste Kunststadt ist, diese Schlagzeile kommt alle acht bis zehn Jahre wieder. 1987 war auf der Zeitschrift „*Kunstforum International*“ die Secessionskuppel am Cover, auch damals wurde Wien als ungemein wichtig erklärt. Und dann werden wieder ein paar Kunstmessen abgedreht.

**Das Belvedere zählt freilich seit Langem zu den internationalen Aushängeschildern, vor allem Klimts „*****Kuss*****“. Wie hat sich Ihr Blick auf diese Ikone des Hauses verändert?**

Er hing sicher nicht als Poster in meinem Studentinnenzimmer. Aber hier habe ich gesehen, dass das Gemälde die Menschen in einem ungeahnten Ausmaß berührt und begeistert. Als ägyptische Freunde meiner Familie nach Wien reisten, textete deren 16-jährige Tochter schon vorher meiner Schwester, dass sie unbedingt den „*Kuss*“ sehen wolle – ohne zu wissen, dass ich das Belvedere leite. Sie bekam dann eine Spezialführung von mir.

**Abgesehen vom** ***Kuss*****, den ohnehin alle Besucher\*innen sehen wollen: Gibt es ein Exponat, das Sie allen Besucher\*innen zeigen?**

Eher Räume und Konstellationen: zum Beispiel Broncia Koller-Pinell neben Edvard Munch. Oder wenn man nach der Pracht mit den Klimts im ersten Stock in den zweiten kommt, dort mit den Themen Exil und Flucht konfrontiert ist, mit Anton Hanaks „*Der letzte Mensch*“ und Schieles „T*od und Mädchen*“. Und der Znaimer Altar ist immer eine Show! Er erzählt viel und ist handwerklich umwerfend.

**Das Belvedere umfasst 800 Jahre Kunstgeschichte. Sie hatten vor der Zeit hier eher mit zeitgenössischer und moderner Kunst zu tun. Wie hat sich Ihr Zugang zur älteren Kunstgeschichte entwickelt?**

Ich wuchs auf mit alter Kunst, meine Eltern führten mich als Kind ins Kunsthistorische Museum. Und je älter ich werde, desto mehr bedeutet mir historische Kunst. Ich merke, dass diese mich emotional momentan mehr bereichert als die Gegenwartskunst – nicht alle Epochen gleichermaßen natürlich. Ich liebe unsere Mittelaltersammlung, die unser Kurator Björn Blauensteiner in einer wunderschönen Präsentation aufgestellt hat. Auch das 19. Jahrhundert interessiert mich sehr.

**Im letzten Jahr Ihrer Direktorinnenschaft liegt ein Fokus auf dem Schaffen von Künstlerinnen, etwa mit einem spannenden Projekt ausgehend von der legendären Ausstellung „*****Kunst mit Eigen-Sinn*****“ aus dem Jahr 1985. Welche Künstlerinnen haben Sie damals begeistert?**

Damals deckte sich mein feministisches Bewusstsein nicht mit meiner beruflichen Arbeit, was ich nicht wirklich erklären kann. Das kam erst Anfang der 1990er-Jahre, als ich den Diskussionsraum Depot gründete, wo theoretische Diskurse stattfanden. Erst da wurde mir die strukturelle Benachteiligung von Künstlerinnen bewusst. Doch ab diesem Zeitpunkt war mir das Thema wirklich wichtig: Schon im Lentos legte ich von Anfang an einen Schwerpunkt auf weibliches Kunstschaffen. Wobei es sich nicht um feministische Kunst handeln muss. Im Belvedere konnte ich große Künstlerinnen wie Louise Bourgeois oder Kiki Smith zeigen. Seit langer Zeit sind mir Isa Genzken, Friedl Kubelka vom Gröller sowie Mary Heilmann wichtig.

![Stella Rollig spricht lächelnd und gestikuliert bei der Präsentation der Ausstellung „Stadt der Frauen“ im Belvedere. Neben ihr steht der Ausstellungskatalog. — Stella Rollig bei der Eröffnung von „Stadt der Frauen“, 2019. — © Franzi Kreis / Belvedere, Wien](https://www.belvedere.at/sites/default/files/styles/full_content_width_no_crop/public/2026-10/024_Stadt%20der%20Frauen.jpg.webp?itok=mFVT4EJD)

**Wenn Sie Ihrer Nachfolgerin Nina Zimmer ein symbolträchtiges Geschenk zur Übergabe des Hauses überreichen müssten, was wäre das?**

Ein Feldstecher, um weiter entfernte Entwicklungen und Ereignisse in den Blick zu nehmen – weil in einer Institution dieser Größe die Gefahr besteht, dass sie einen einsaugt und man das Außen vergisst. Man kann den Feldstecher aber auch umdrehen: Wenn man sich vorstellt, so auf eine schwierige Situation zu blicken, dann sieht man plötzlich lauter Zwerglein, die sich über irgendwas auseinandersetzen. Das ist sehr entlastend.
