Hannah Höch. Ständig in Bewegung

 

Hannah Höch, Love, 1926
This work is part of the ifa art collection.
Photo: © Christian Vagt; © Bildrecht, Vienna 2024

 

Hannah Höch (1889 Gotha – 1978 West-Berlin) zählt zu den Erfinder*innen der modernen Collage. Ab 1918 entwickelt sie eine Technik der Fotomontage aus Ausschnitten von Zeitungen und Zeitschriften. Als einzige Frau ist Höch im Kreis um den Berliner Dadaismus aktiv (1916 – 20). Mit dem damals neuartigen Medium Film setzt sie sich ab den 1920er-Jahren intensiv auseinander und überträgt Schnitt und Montage in ihre Kunstform, um neue Welten entstehen zu lassen. Ihr Werk umfasst darüber hinaus Grafiken, Zeichnungen und Gemälde.

Ausstellung Hannah Höch. Montierte Welten

Unteres Belvedere,
21. 6. – 6. 10. 2024

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Hannah Höch, English Dancer, 1928
This work is part of the ifa art collection.
Photo: © Christian Vagt; © Bildrecht, Vienna 2024

„Ich will dartun, dass klein auch groß und groß auch klein ist, nur der standpunkt, aus dem wir urteilen, wird gewechselt.“

Hanna Höch

 

Als Pionierin der Fotomontage war Hannah Höch ihrer Zeit weit voraus. Dass sie die Dynamik ihrer Gegenwart einfing, den kolonialistischen Blick ihrer Kollegen revidierte und Handarbeit aufwertete: All das macht sie auch für die Gegenwart so aufregend. 

Text – Nina Schedlmayer 

Hannah Höch war keine Frau großer Worte. Während ihre Dada-Berlin-Kollegen – weibliche Form unnötig – gern kundtaten, was sie mit ihrer Antikunst wollten, hielt sie sich zurück. Doch viele ihrer Zeilen sagen mehr aus als so manches Manifest ihrer männlichen Kompagnons. Anlässlich ihrer ersten Einzelausstellung formulierte sie 1929, da war sie schon 40 Jahre alt, in der zeittypischen Kleinschreibung: „ich will dartun, dass klein auch groß und groß auch klein ist, nur der standpunkt, aus dem wir urteilen, wird gewechselt.“

Und betonte, „dass es außer deiner und meiner anschauung und meinung noch millionen und abermillionen berechtigter anderer anschauungen gibt“. Gut gealtert sind sie, diese Worte: Heute spräche man von Ambiguitätstoleranz, einer Tugend, die gegenwärtig angesichts von Polykrisen und kulturellen Grabenkämpfen besonders gefragt ist. Oder wäre. Als Pionierin der Fotomontage war Hannah Höch Expertin für das Multiperspektivische, den bewegten Blick, das Sowohl-als-auch. Aufgewachsen im thüringischen Städtchen Gotha als ältestes von fünf Kindern, studierte sie in Berlin bei Emil Orlik Druckgrafik und jobbte schon währenddessen beim Ullstein Verlag in der Handarbeitsabteilung, wo sie Schnittmuster zeichnete. Mit Kollegen wie Richard Huelsenbeck, George Grosz, John Heartfield und Raoul Hausmann (mit dem sie eine fruchtbare wie anstrengende Beziehung verbinden sollte) formierte sie bald Dada Berlin – als Teil jener internationalen Avantgardebewegung, die mit damals verstörenden künstlerischen Strategien wie dem Nonsensgedicht, der Revue, der Lautmalerei und eben der Fotomontage gegen Spießertum, Militarismus und Nationalismus anging.

Ein Foto zeigt Höch und Hausmann in der Ersten Internationalen Dada-Messe, abgehalten 1920 im Berliner Kunstsalon Dr. Otto Burchard. Im Hintergrund hängt ihre längst Ikone gewordene Fotomontage Schnitt mit dem Küchenmesser Dada durch die letzte Weimarer Bierbauch-Kulturepoche Deutschlands. Alles darin – Künstlerinnen, Balletteusen, Maschinen, Räder, Politiker – dreht sich wie in einer Zentrifuge. Es ist eines ihrer „veritablen Bildpanoramen der gesellschaftlichen, politischen und technologischen Wirren der frühen Weimarer Republik“. So beschreibt es Martin Waldmeier, Kurator der Ausstellung Hannah Höch. Montierte Welten, die vom Zentrum Paul Klee in Bern ins Belvedere wandert – es handelt sich dabei, kaum zu glauben, um die erste Museumsausstellung der Avantgardistin in Österreich. Die rasante Bewegung ist charakteristisch für Höchs Collagen. Ein Kopf, dem Schwertlilien entsprießen, balanciert auf hüpfenden Tanzschuhen (Englische Tänzerin). Über gegrätschten Beinen rotiert fächerförmig arrangierte Spitze (Ungarische Rhapsodie). Ballerinas entschweben in Wolken (Nur nicht mit beiden Beinen auf der Erde stehen).

 

Hannah Höch, Never Keep Both Feet on the Ground, 1940
This work is part of the ifa art collection.
Photo: © Christian Vagt; © Bildrecht, Vienna 2024

 

„Emanzipiert und kritisch nimmt Höch Repräsentationen von Weiblichkeit und Männlichkeit in den Blick und bricht als eine der Ersten mit stereotypen Medienbildern." 

Luisa Ziaja

 

Hannah Höch, Made for a Party (Detail), 1936
This work is part of the ifa art collection.
Photo: © Christian Vagt; © Bildrecht, Vienna 2024

 

Die Dynamik der Zeit überforderte die Menschen damals ebenso wie heute. Das fand sein Echo in schnell geschnittenen Filmen von Dsiga Wertow, Man Ray, Viking Eggeling oder Fernand Léger, die Höch begeistert rezipierte. In einem Manuskript über die Fotomontage verweist sie dezidiert auf die künstlerische Wirkmächtigkeit des Filmschnitts. Sie habe verstanden, welche Möglichkeiten „der Film und das Kino für den radikalen künstlerischen Ausdruck eines ‚neuen Sehens‘ boten“, schreibt die Kunsthistorikerin und Höch-Expertin Kristin Makholm. Doch auch der Erste Weltkrieg mit den versehrten Kriegsrückkehrern und ihren Prothesen (Martin Waldmeier nennt es „Montage am menschlichen Körper“) wirkte sich auf den künstlerischen Zugriff auf die Welt durch die Fotomontage aus. Darin war sie ihrer Zeit um Lichtjahre voraus. 

Dass sie als Frau dennoch um ihren Platz ringen musste, belegen zahlreiche Anekdoten. So berichtete Hans Richter, der Experimentalfilmer, dass „Hannchen“ bei Dada-Treffen Brötchen und Kaffee serviert habe, und katapultierte sie so aus der Rolle der Künstlerin in die der bemutternden Versorgerin; Grosz und Huelsenbeck wollten sie bei der großen Dada-Schau erst gar nicht dabeihaben. 

Auf die Frage, wie sie sich in der Dada-Herrenrunde fühlte, sagte Höch einmal: „Ich habe ja nur eine bescheidene Rolle gespielt. Meine Arbeiten wurden akzeptiert – und das genügte mir.“ Trotz derlei Bekundungen kann sie als Vorreiterin einer emanzipatorischen Kunst gelten: In ihren Collagen hält ein Amalgam aus Männerkopf und Frauenkörper ein Baby (Der Vater), verflacht ein Muskelprotz zur Schablone (Die starken Männer). Luisa Ziaja, Chefkuratorin des Belvedere: „Emanzipiert und kritisch nimmt Höch Repräsentationen von Weiblichkeit und Männlichkeit in den Blick und bricht als eine der Ersten mit stereotypen Medienbildern.“ Höchs Arbeit als Entwerferin von Schnittmustern beeinflusste ihre Kunst zudem nachhaltig: Diese fanden in zahlreiche Collagen Eingang. Damit wertete sie die weiblich konnotierte, als niedrig eingestufte Handarbeit auf – aus heutiger Sicht eine dezidiert feministische Geste.

„Der Schrank, in dem ich meine Zeichnungen aufhob, enthielt genug, um mich und alle in Deutschland lebenden früheren Dadaisten an den Galgen zu bringen.“

Hanna Höch

 

1922 lernte Höch die niederländische Dichterin und Übersetzerin Til Brugman kennen und ging mit ihr eine Beziehung ein – in einer Zeit, in der weibliche Homosexualität in Deutschland zwar nicht verboten, jedoch verpönt war. Selbst in ihrem Freundeskreis stieß sie auf Unverständnis. Helma Schwitters, die Frau des Künstlerkollegen Kurt Schwitters, schrieb ihr: „Du musst einen männlichen Freund haben, um Dein inneres Gleichgewicht wieder herzustellen.“ 

Man ahnt, wie es einer Künstlerin wie Höch in der NS-Zeit ging: als einstige Vertreterin einer Kunstrichtung, die als „entartet“ verfemt wurde, sowie als offensichtlich emanzipierte Frau. Nach der Trennung von Brugman zog Höch 1939 mit einem Mann, den sie wohl eher aus Freundschaft denn aus Liebe heiratete, in ein Häuschen in Berlin- Heiligensee und verbrachte dort die Jahre bis zum Kriegsende. 

 

Hannah Höch, Hungarian Rhapsody (Detail), 1940
This work is part of the ifa art collection.
Photo: © Christian Vagt; © Bildrecht, Vienna 2024

 

Im Garten vergrub sie Kisten mit Kunstwerken, Dokumenten, Büchern und vielem mehr. Auch in ihrem Haus bewahrte sie Werke auf, nicht nur eigene, sondern auch die von Kolleg*innen. „Der Schrank, in dem ich meine Zeichnungen aufhob, enthielt genug, um mich und alle in Deutschland lebenden früheren Dadaisten an den Galgen zu bringen“, erzählte sie später.

 

Ausstellung Hannah Höch. Montierte Welten

Unteres Belvedere,
21. 6. – 6. 10. 2024

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Hannah Höch, Around a Red Mouth, 1967
This work is part of the ifa art collection.
Photo: © Christian Vagt; © Bildrecht, Vienna 2024

„Wenn sie den Garten und die Natur thematisiert, dann setzt sie sich auch mit existenziellen Fragen auseinander.“

Luisa Ziaja

 

Künstlerisch zog sie sich ebenso zurück; es entstanden Aquarelle und Gemälde. Blumenstillleben, teils von düsterer Schönheit, führten weg von ihren früheren Montagen. 

In der Nachkriegszeit sollte die Künstlerin die knallbunte Farbenwelt der Illustrierten, die Wohlstand und Glamour versprachen, entdecken. Aus ihnen destillierte sie flirrende Bilderwelten, die bisweilen als nahezu abstrakte Kompositionen Rätsel aufgeben (Epos), bisweilen die neuen Ideale von Weiblichkeit ironisieren (Um einen Roten Mund). Immer mehr rückte die Kunst in den Mittelpunkt, die sie in ihrem Garten vorfand, in jenem Haus in Berlin-Heiligensee, aus dem sie nie mehr ausziehen sollte. Luisa Ziaja dazu: „Wenn sie den Garten und die Natur thematisiert, dann setzt sie sich auch mit existenziellen Fragen auseinander.“ Was die großen Themen in ihrem Werk seien, fragte man sie in einem Interview 1975, drei Jahre vor ihrem Tod. Höchs Antwort lautete: „Das Leben. Symbole für Wachsen und Vergehen, für Liebe und Hass, für Verherrlichen und Verwerfen, aber auch die Suche nach Schönheit, im besonderen nach versteckter Schönheit.“ 

Gegen Ende ihres Lebens, 1972/73, ließ sie dies in einer großen Montage Revue passieren. Fotos der Künstlerin mischen sich mit solchen ihrer Werke. Quer durch die Jahrzehnte erscheint sie als Kleinkind, Mädchen, junge Frau, alte Frau, in Blumenmeeren stehend und zwischen Collagen aus den 1920er-Jahren: ein Leben in ständiger Bewegung.