Friedl Kubelka (* 1946 in London), die sich seit 2009 als Filmemacherin Friedl vom Gröller nennt, lebt und arbeitet in Wien und Paris. Seit mehr als fünf Jahrzehnten verfolgt sie mit ihrer medienübergreifenden Praxis eine konsequente Auseinandersetzung mit allen Aspekten des Menschseins. Im Fokus stehen dabei psychische Zustände im Verhältnis zu äußeren Gegebenheiten, zwischenmenschliche Beziehungen sowie emotionale und moralische Grenzbereiche. Diesen nähert sie sich mit analytischer Schärfe, Empathie, Humor und großer Offenheit und setzt dabei die Qualitäten der unterschiedlichen Medien gezielt ein.
Stella Rollig, Generaldirektorin des Belvedere: Mit dieser Ausstellung machen wir eine wenig bekannte Werkgruppe sichtbar, die das Schaffen von Friedl Kubelka / vom Gröller entscheidend vertieft. Die Gouachen eröffnen einen unmittelbaren, persönlichen Zugang zu Kubelka /vom Gröllers künstlerischer Haltung und erweitern unser Verständnis von der außergewöhnlichen Vielschichtigkeit ihres Œuvres.
Kuratorin Stefanie Reisinger: Kubelka / vom Gröller changiert in ihrem künstlerischen Schaffen bedacht zwischen konzeptuellen, intellektuellen und emotionalen Ausdrucksmitteln, ohne dabei ihr Interesse am Menschsein und an den damit einhergehenden Kuriositäten zu verlieren. Die Malerei eröffnet ihr aufgrund der Unmittelbarkeit und der kontemplativen Arbeitsweise in einem bewusst abstrahierenden Wiedergabemodus Freiheiten in der Schichtung von Erinnerung, Präsenz und Vorstellung. Wie in all ihren Medien und ihrem Leben ist sie auch hier schonungslos, widerständig und fordernd.
ZUR AUSSTELLUNG
Innerhalb des Gesamtwerks von Friedl Kubelka / vom Gröller nehmen die Gouachen und Zeichnungen, von denen bislang rund 150 entstanden sind, eine besondere Stellung ein. Sie unterscheiden sich formal deutlich von den Schwarz-Weiß-Filmen und den Analogfotografien: Farbintensiv und detailreich entfalten sie szenisch verdichtete Bildräume, in denen sich unterschiedliche Ereigniswelten überlagern. Stilistisch erweisen sie der Kunstgeschichte Reverenz – von der Protorenaissance über Gustav Klimt und die Phantastischen Realisten bis zu Frida Kahlo und Friedensreich Hundertwasser.
Die kleinformatigen Arbeiten auf Papier verhandeln überraschend bunt und intim Themen wie Leben, Tod, Liebe, Lust, Eifersucht, Isolation, Freude und Ausgelassenheit. Private Erlebnisse, Wünsche, Krisen und Träume werden in erzählerische Bildgefüge übersetzt, in denen Humor und Groteske gleichberechtigt neben Empathie und analytischer Präzision stehen.
Das Interesse an offenen, nichtlinearen Erzählformen erprobt Kubelka / vom Gröller auch in einer Gruppe von Filmen, wenngleich aufgrund der Anforderungen des Mediums anders ausgestaltet. Trotz der formalen Unterschiede besteht ein enges thematisches Verwandtschaftsverhältnis zwischen den Laufbildern und den Arbeiten auf Papier, das in dieser Ausstellung erkundet wird. Bemerkenswert ist der experimentell-narrative Duktus, der sich speziell in den Arbeiten auf Papier tagebuchartig ausdrückt und in den Filmen eine bislang wenig beachtete Qualität aufweist.
Co-Kurator Dietmar Schwärzler: Fragmentierte Handlungsbögen, widersprüchliche Blickwinkel und uneindeutige Situationen prägen sowohl die gemalten Bilder als auch die Laufbilder. Slapstickhafte Momente stehen neben existenziellen Fragestellungen, Traumlogiken neben analytischen Setzungen.
Dreh- und Angelpunkt von Kubelka / vom Gröllers gesamtkünstlerischem Schaffen ist seit 1969 das Atelier in der Gartengasse, das phasenweise auch als Schul- und Wohnraum diente. Nach ihrer Ausbildung zur Psychotherapeutin und Gruppenanalytikerin (1988–96) hält Kubelka / vom Gröller hier ihre Sitzungen ab und gründet 1990 die Schule für künstlerische Photographie sowie 2006 die Schule für unabhängigen Film. Die Architektur der Ausstellung wurde in Anlehnung an das Atelier entwickelt und bildet den atmosphärischen Rahmen für einen chronologischen Rundgang.
Als einziges Museum weltweit hat das Belvedere eine Gouache von Friedl Kubelka in seinem Sammlungsbestand: Neuffers Zimmer (1974) zählt zu den frühesten Bildern, die die Künstlerin gemalt hat. Das Werk verweist auf den prägenden Austausch mit Hans Neuffer, der Kubelka Anfang der 1970er-Jahre – parallel zu ihren ersten fotografischen und filmischen Arbeiten – zum Zeichnen und Malen ermutigte.