Und betonte, „dass es außer deiner und meiner anschauung und meinung noch millionen und abermillionen berechtigter anderer anschauungen gibt“. Gut gealtert sind sie, diese Worte: Heute spräche man von Ambiguitätstoleranz, einer Tugend, die gegenwärtig angesichts von Polykrisen und kulturellen Grabenkämpfen besonders gefragt ist. Oder wäre. Als Pionierin der Fotomontage war Hannah Höch Expertin für das Multiperspektivische, den bewegten Blick, das Sowohl-als-auch. Aufgewachsen im thüringischen Städtchen Gotha als ältestes von fünf Kindern, studierte sie in Berlin bei Emil Orlik Druckgrafik und jobbte schon währenddessen beim Ullstein Verlag in der Handarbeitsabteilung, wo sie Schnittmuster zeichnete. Mit Kollegen wie Richard Huelsenbeck, George Grosz, John Heartfield und Raoul Hausmann (mit dem sie eine fruchtbare wie anstrengende Beziehung verbinden sollte) formierte sie bald Dada Berlin – als Teil jener internationalen Avantgardebewegung, die mit damals verstörenden künstlerischen Strategien wie dem Nonsensgedicht, der Revue, der Lautmalerei und eben der Fotomontage gegen Spießertum, Militarismus und Nationalismus anging.
Ein Foto zeigt Höch und Hausmann in der Ersten Internationalen Dada-Messe, abgehalten 1920 im Berliner Kunstsalon Dr. Otto Burchard. Im Hintergrund hängt ihre längst Ikone gewordene Fotomontage Schnitt mit dem Küchenmesser Dada durch die letzte Weimarer Bierbauch-Kulturepoche Deutschlands. Alles darin – Künstlerinnen, Balletteusen, Maschinen, Räder, Politiker – dreht sich wie in einer Zentrifuge. Es ist eines ihrer „veritablen Bildpanoramen der gesellschaftlichen, politischen und technologischen Wirren der frühen Weimarer Republik“. So beschreibt es Martin Waldmeier, Kurator der Ausstellung Hannah Höch. Montierte Welten, die vom Zentrum Paul Klee in Bern ins Belvedere wandert – es handelt sich dabei, kaum zu glauben, um die erste Museumsausstellung der Avantgardistin in Österreich. Die rasante Bewegung ist charakteristisch für Höchs Collagen. Ein Kopf, dem Schwertlilien entsprießen, balanciert auf hüpfenden Tanzschuhen (Englische Tänzerin). Über gegrätschten Beinen rotiert fächerförmig arrangierte Spitze (Ungarische Rhapsodie). Ballerinas entschweben in Wolken (Nur nicht mit beiden Beinen auf der Erde stehen).