Erna Rosenstein, Die Verbrennung der Hexe (Spalenie czarownicy), 1966

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Erna Rosenstein

Jenseits der Stille

Erna Rosenstein (1913–2004), eine zentrale Protagonistin der polnischen Nachkriegsavantgarde, wird erstmals in Österreich in einer umfassenden Retrospektive gewürdigt. Vor dem Hintergrund der Shoah und der historischen Umbrüche in Polen zeugen ihre Werke von der Widerständigkeit einer Künstlerin, die unbeirrt an ihren politischen Überzeugungen und künstlerischen Idealen festhält. Über sechs Jahrzehnte hinweg entwickelt Rosenstein einen multimedialen Bildkosmos, der die enge Verflechtung von Gegenwart und Erinnerung, von kollektivem und persönlichem Erleben sichtbar macht.

Kuratiert von Stephanie Auer. 
Assistenzkurator: Miroslav Haľák

In Kooperation mit
Impressionen

Zur Ausstellung

In den frühen 1930er-Jahren verbringt Rosenstein zwei Jahre in Wien, wo sie an der Frauenakademie studiert, sich einer kommunistischen Jugendorganisation anschließt und die Februarkämpfe 1934 unmittelbar erlebt. Aus dieser Zeit sind keine Werke der Künstlerin erhalten. Sie gingen verloren oder wurden angesichts der Verfolgung im von Nazideutschland besetzten Polen vernichtet.

Nach dem Ende des Zweiten Weltkriegs findet Rosenstein zu einer expressiven Bildsprache, um kollektive Gewalterfahrungen, aber auch Fragen von Mittäter*innenschaft zu artikulieren. In der Zeit des Stalinismus in Polen widersetzt sie sich der Doktrin des sozialistischen Realismus und hält an einer vom Surrealismus und subjektiven Erfahrungen geprägten Kunstauffassung fest. Als eine Form der Erinnerung und der Aufarbeitung thematisiert Rosenstein über Jahrzehnte hinweg den gewaltsamen Tod ihrer Eltern. Dabei bleibt sie konsequent einem figürlichen Ausdruck verpflichtet – selbst als ihre Bildsprache ab den späten 1950er-Jahren durch biomorphe, abstrakte Kompositionen bestimmt ist.

Rätselhaft-poetische Werktitel eröffnen Raum für Erinnerung, Trauma und persönliche Erzählung und zeugen von der engen Verbindung, die Wort und Bild für die Malerin und Dichterin eingehen. Zugleich entfalten ihre Assemblagen eine Poesie des Alltäglichen, indem Rosenstein gefundene, gebrauchte und weggeworfene Objekte zu unerwarteten und teils ironischen Konstellationen fügt.

Die in der Ausstellung versammelten rund 80 Werke – Gemälde, Zeichnungen und Assemblagen sowie ausgewählte Gedichte – erzählen von Verfolgung und Flucht, von Verlust und Trauer, zugleich aber von Resilienz, von künstlerischer Unabhängigkeit und vom beharrlichen Willen zur Erneuerung.

Biografie

Erna Rosenstein
Foto: Tadeusz Rolke, Agencja Gazeta
The Estate of Erna Rosenstein - courtesy of Foksal Gallery Foundation and Hauser & Wirth

 

Erna Rosenstein, geboren 1913 in Lwiw in der heutigen Ukraine, schließt sich noch während der Schulzeit in Krakau der illegalen Internationalen Organisation zur Hilfe für Revolutionäre (MOPR) an. Durch das Studium an der Wiener Frauenakademie in den Jahren von 1932 bis 1934 soll sie, so das Ziel der Eltern, Abstand von ihrem politischen Engagement gewinnen. Rosenstein ist jedoch in Österreich sowie nach ihrer Rückkehr nach Polen, wo sie an der Akademie der bildenden Künste in Krakau studiert, weiterhin politisch aktiv. Während des Zweiten Weltkriegs und der Besetzung Polens sieht sich Rosensteins Familie als Jüdinnen und Juden nationalsozialistischer Verfolgung ausgesetzt. Auf der Flucht werden Rosensteins Eltern im Beisein der Künstlerin ermordet, sie selbst überlebt verletzt und verbringt die restlichen Kriegsjahre unter falschen Identitäten im Untergrund. In den Jahren 1947/48 bereist sie die Schweiz, England und Frankreich. In Paris besucht Rosenstein eine Reihe von surrealistischen Ausstellungen und lernt ihren zukünftigen Ehemann kennen, den Kritiker und Übersetzer Artur Sandauer, mit dem sie ab 1949 in Warschau lebt. Zu Beginn der 1950er-Jahre arbeitet Rosenstein fern vom öffentlichen Kunstbetrieb, nachdem sie Stellung gegen die Doktrin des sozialistischen Realismus bezogen hat und beharrlich an einer surrealistisch geprägten Bildsprache festhält. Im kommunistischen Polen der Nachkriegszeit ist Rosenstein erneut mit Wellen der Repression konfrontiert, die 1968 in einer staatlich gesteuerten antisemitischen Kampagne kulminieren. Dennoch entscheidet sich die Künstlerin zu keinem Zeitpunkt für den Bruch mit der Kommunistischen Partei oder das Exil, sondern avanciert zu einer der bedeutendsten Vertreter*innen der polnischen Nachkriegskunst. Als Gründungsmitglied der zweiten Krakauer Gruppe, der Künstler*innen wie Tadeusz Kantor, Maria Jarema oder Tadeusz Brzozowski angehören, nimmt Rosenstein an den maßgeblichen Ausstellungen für zeitgenössische Kunst in Polen sowie an Präsentationen polnischer Kunst im Ausland teil.

Katalog

 

Herausgeber*innen: Stella Rollig, Stephanie Auer

Autor*innen: Stephanie Auer, Dorota Jarecka, Ulrike Kadi, Stella Rollig, Aleksandra Ściegienna, Piotr Słodkowski, Adam Szymczyk

Grafikdesign: Willi Schmid

Erscheinungsjahr: 2026

Verlag: Verlag der Buchhandlung Walther und Franz König, Köln

Seitenzahl: 312 Seiten, 145 Abbildungen

Format: 16,5 × 23,2 cm, Hardcover

ISBN: 978-3-7533-1044-2 (DE & EN)

€ 34,90 (inkl. MwSt.) Vor Ort ab Juli erhältlich.

 

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