Herbst im Belvedere
6 Dinge für goldene und graue Tage
Wenn der Herbst in Wien Einzug hält, sich die Blätter langsam verfärben und die tiefstehende Sonne Schloss und Garten in warmes Licht taucht, beginnt im Belvedere eine besonders stimmungsvolle Zeit. Noch laden milde Tage zum Spazieren ein, während kühlere Temperaturen und der eine oder andere Regenschauer gute Gründe liefern, den Museumsbesuch zu verlängern.
Hier sind sechs Dinge, die Sie bei einem Herbsttag im Belvedere nicht verpassen sollten.
Lisa Ebner-Kollmann
Belvedere, Wien
Olga Wisinger-Florian, "Fallendes Laub" (1899)
Durch den Barockgarten lustwandeln
Goldgelb, Orange, Rot und Braun: Im Herbst verändert sich die Gartenanlage rund um das Belvedere beinahe täglich. Zwischen barocken Gartenachsen, Brunnen und historischen Schlossfassaden setzt das bunte Laub neue Akzente, während die tiefer stehende Sonne lange Schatten über Wege und Terrassen zeichnet.
Ein Spaziergang durch den Schlossgarten des Belvedere hat dabei eine lange Tradition. Schon im 18. Jahrhundert war die Anlage ein Ort zum Lustwandeln, Promenieren und Konversieren. Die symmetrisch angelegte Gartenanlage mit ihren Terrassen, Wasserbecken, Treppen und Parterres bildete dafür die prachtvolle Kulisse. Heute sorgt die herbstliche Vegetation für einen reizvollen Kontrast zur strengen Geometrie des Barockgartens.
Einen Regentag für Kunst nutzen
Nicht jeder Herbsttag zeigt sich von seiner goldenen Seite – und das muss er auch gar nicht. Wenn es draußen regnet und die Temperaturen sinken, lässt sich ein Museumsbesuch besonders entspannt ausdehnen. Statt nur die bekanntesten Highlights anzusteuern, bleibt Zeit, durch die Sammlung zu flanieren, weniger bekannte Werke zu entdecken oder einen Abstecher ins Untere Belvedere zu machen.
Auch ein grauer Tag ist also kein Grund, die Pläne für den Wien-Besuch über Bord zu werfen. Manchmal ist schlechtes Wetter die beste Einladung, sich etwas mehr Zeit für Kunst zu nehmen.
Den Herbst in der Kunst entdecken
Herbststimmung findet man im Belvedere nicht nur draußen, sondern auch in der Schausammlung. Olga Wisinger-Florian führt in ihrem 1899 entstandenen Gemälde Fallendes Laub mitten hinein in den herbstlichen Wienerwald. Dichtes, verfärbtes Laub umgibt eine einsame Spaziergängerin beinahe von allen Seiten und macht die besondere Atmosphäre eines Herbsttages zum eigentlichen Thema des Bildes.
Wisinger-Florian zählt zu den bedeutendsten Landschafts- und Blumenmaler*innen des Fin de Siècle. Der Wienerwald war bereits Ende des 19. Jahrhunderts ein beliebtes Ausflugsziel. Bei seiner ersten Präsentation im Wiener Kunstsalon Pisko wurde Fallendes Laub unmittelbar für die kaiserliche Gemäldegalerie angekauft.
Tipp: Bevor Sie sich auf die Suche nach Fallendes Laub machen, lohnt sich ein kurzer Blick in die Online-Sammlung: Beim Werk finden Sie die aktuelle Information, ob es gerade im Museum ausgestellt ist. Und warum nicht gleich weitersuchen? Begriffe wie „Herbst“ oder „Laub“ führen zu weiteren herbstlichen Entdeckungen aus der Sammlung des Belvedere.
Einen Abstecher zur Orangerie im Unteren Belvedere machen
Auch das Untere Belvedere ist einen Besuch wert: Die heutige Orangerie dient längst als Ausstellungsraum. Von außen lässt die langgestreckte Fassade mit ihren großen Fenstern jedoch noch ihre ursprüngliche Funktion als Pomeranzenhaus erahnen. Hier wurden die kälteempfindlichen Orangenbäume Prinz Eugens vor dem Wiener Winter geschützt. Im Barock waren solche exotischen Pflanzen nicht nur kostbar, sondern auch prestigeträchtige Statussymbole. Und davon konnte man offenbar kaum genug besitzen. Mit dem nahenden Wiener Winter stellte sich allerdings ein praktisches Problem: Wohin mit den kälteempfindlichen Pflanzen? Im Belvedere waren die Orangenbäumchen während der warmen Jahreszeit direkt in die Erde gesetzt. Im Herbst wurde deshalb die dekorative Rückwand des Pomeranzenhauses mit einer Holzkonstruktion und großen Fenstern ummantelt. So entstand ein geschützter, beheizbarer Raum für die kalte Jahreszeit. Im Frühjahr wurde die Konstruktion wieder entfernt. Eine Radierung Salomon Kleiners aus dem Jahr 1737 hält diese ungewöhnliche saisonale Verwandlung fest.
Im Goldkabinett Farbe tanken
Wenn die Tage draußen grauer werden, darf es drinnen umso prachtvoller sein. Im Unteren Belvedere verbirgt sich mit dem Goldkabinett ein besonders eindrucksvoller historischer Innenraum. Spiegel, vergoldete Wandflächen und farbintensive Malereien verwandeln das kleine Kabinett in ein Gesamtkunstwerk, in dem es erstaunlich viel zu entdecken gibt.
Die Darstellungen an Wänden und Decke stecken voller Allegorien und erzählen unter anderem von den Jahreszeiten, Elementen und Sinnen. Damit bieten sie genug Stoff, um bei jedem Besuch ein anderes Detail genauer zu betrachten.
Tipp: Wer im Goldkabinett genauer hinsehen möchte, kann in unserer Stories-Serie „Ein Raum aus Gold“ die Geschichten hinter seinen zahlreichen allegorischen Darstellungen entdecken.
Tipp: Der "Wild Cube" ist nicht nur zu jeder Jahreszeit einen Besuch wert, sondern auch ein beliebtes Fotomotiv. Entdecken Sie selbst, wie sich seine Vegetation im Herbst verändert.
Wilde Natur im Skulpturengarten entdecken
Auch im Skulpturengarten des Belvedere 21 lohnt sich im Herbst ein genauer Blick auf die Vegetation – denn bei einem der auffälligsten Werke gehört sie sogar zur Kunst. Für seinen Wild Cube von 2011 ließ Lois Weinberger innerhalb eines zwölf Meter langen Eisenkäfigs Pflanzen wie Ulmen, Birken, Weißpappeln und Spitzahorn unkontrolliert wachsen. Äste und Zweige suchen sich ihren Weg durch die Gitterstäbe und verändern das Erscheinungsbild des Werks im Laufe der Jahreszeiten.
Weinberger beschäftigte sich intensiv mit sogenannter Ruderalvegetation – Pflanzen, die sich auf vom Menschen veränderten oder aufgegebenen Flächen ansiedeln. Seinen Wild Cube verstand er als Gegenentwurf zum „White Cube“, dem neutralen weißen Ausstellungsraum des klassischen Museums. Hier bekommt die Natur stattdessen buchstäblich ihren eigenen Raum.
Der Herbst im Belvedere spielt sich zwischen draußen und drinnen ab: zwischen buntem Laub und goldenen Innenräumen, Spaziergängen durch die Gärten und ausgedehnten Stunden vor Kunstwerken. Und sollte das Wiener Herbstwetter einmal nicht mitspielen, wartet hinter den Schlosstüren mehr als genug zu entdecken.