Die fünf Sinne
Ein Raum aus Gold: Das Goldkabinett im Unteren Belvedere
Die Sinne werden im Goldkabinett des Unteren Belvedere ebenso wie die vier Elemente, die vier Jahreszeiten und andere natürliche Phänomene als Vierergruppe von Allegorien in menschlicher Gestalt dargestellt. Sie fallen jedoch etwas aus der Reihe: die Rede ist üblicherweise nicht von vier, sondern von fünf Sinnen.
Was riechen Sie? Welches Gewicht hat das Tablet oder Smartphone, das Sie in der Hand halten? Oder wie fühlt sich der Untergrund an, auf dem Sie sitzen? Welche Geräusche nehmen Sie wahr? Haben Sie noch einen Geschmack auf der Zunge? Wie empfinden Sie das Licht?
Die Serie „Ein Raum aus Gold“ widmet sich den allegorischen Vierheiten des Goldkabinetts im Unteren Belvedere – den Jahreszeiten, Elementen, Temperamenten, Kontinenten, Tageszeiten und Sinnen.
Philipp-Reichel-Neuwirth
Johannes Stoll / Belvedere, Wien
Die fünf Sinne im Goldkabinett
Sehsinn, Gehör, Tastsinn, Geruchssinn und Geschmackssinn werden im Goldkabinett des Unteren Belvedere in vier Bildern zusammengefasst wiedergegeben. Schmecken und Riechen treten als Paarung auf.
In der gesamten Gruppe ist diesmal nur eine antike Gottheit erkennbar: Die Liebesgöttin Venus, die ihren Sohn Amor maßregelnd am Arm packt, repräsentiert den Tastsinn. Der Sehsinn, in Gestalt einer Frau, betrachtet vermutlich sich selbst in einem Spiegel, den sie in Händen hält. Ihr ähnelt die Personifizierung des Geruchssinns, die sich Blumen an die Nase hält und mit einer Hand auf einen neben ihr hockenden Affen deutet. Das Tier verspeist Früchte und verbildlicht damit den Geschmackssinn. Das Gehör wird als einziges eher als Reizverursacher, denn als wahrnehmender Sinn dargestellt: Eine Person mit Kithara symbolisiert die Musik.
Die fünf Sinne – ein Wettbewerb
Als der antike griechische Philosoph Aristoteles die fünf Sinne in seiner Schrift Über die Seele (griechisch Peri psychēs) behandelte, ordnete er sie hierarchisch:
- Gesicht (Sehsinn)
- Gehör
- Geruch
- Geschmack
- Tastsinn
Das entspricht einer bis heute verbreiteten philosophischen und religiösen Missachtung des Körperlichen. Schmecken und Tasten verlangen einen unmittelbaren Kontakt der Haut mit der Stofflichkeit der Welt, während die anderen Sinne ihre Reize aus vermeintlich nobler Distanz zur Umwelt empfangen. Damit geht die Tendenz in Kultur und Religion einher, dem Geistigen einen höheren Wert zuzuschreiben. Hören, Sehen und Riechen scheinen dem Metaphysischen näher als dem Physischen.
In der jüdisch-christlichen Tradition erhielt der Hörsinn wiederholt den ersten Platz. Eingebungen und göttliche Botschaften wurden häufig als Stimmen wahrgenommen. Das jüdische Glaubensbekenntnis beginnt mit den Worten: „Sch'ma Jisra'el“ – „Höre, Israel: Der Herr ist unser Gott, der Herr ist einer.“ (5. Mose / Deuteronomium 6,4). Martin Luther schrieb: „Glauben ist Hören des Wortes Gottes.“
Der Tastsinn wird mit Erotik assoziiert und belegt entsprechend den religiös geprägten Tugendvorstellungen den letzten Platz. Im Goldkabinett des Unteren Belvedere wird der Tastsinn stattdessen als disziplinierender Körperkontakt dargestellt, erkennbar durch den Griff der strengen Mutter.
Das Goldkabinett selbst ist für den Sehsinn gebaut - überhaupt ist das Barockschloss und Museum traditionell eher ein Mu-seh-um als ein Mu-hör-um. Der Hall in einem barocken Marmorsaal schluckt so manche Verständlichkeit einer Sprechstimme. Klänge und Tonspuren sind für den Museumsbetrieb nicht leicht zu handhaben. Soundinstallationen stellen das kuratorische Konzept ebenso wie die technische Umsetzung einer Ausstellung oft vor Herausforderungen. Geräusche sind häufig entweder eine Störquelle oder werden bei allzu andächtiger Stille sowie von sehbeeinträchtigten und blinden Personen vermisst, wenn nur Texte an der Wand zu lesen sind. Audiodeskriptionen vermögen diese Stille zu füllen.
Der Hausherr Prinz Eugen galt seinerseits nicht als besonders großer Freund der Musik und der darstellenden Künste. Dennoch wird in Geschichten rund um den Prinzen ein Musiker erwähnt, der in dessen Diensten gestanden haben dürfte: Jacques de Saint-Luc, ein bedeutender Lautenist. Seine Kompositionen sind bis heute erhalten. Auch wenn nicht belegt ist, dass die Darstellungen der Sinne noch zu Lebzeiten des Prinzen auf den Goldpaneelen angebracht wurden, passt die Gestalt des Gehörsinns als Kithara- oder Lautenspieler biografisch zu Eugen von Savoyen, in dessen Gemächern einst tatsächlich der zarte Klang gezupfter Saiten zu vernehmen gewesen sein dürfte.
In der Bedeutung für das Untere Belvedere dürfte allerdings der Geruchssinn der geheime Favorit für den ersten Platz im Ranking der Sinne gewesen sein. Bevor das sogenannte Pomeranzenhaus, der heute als „Orangerie“ bekannte Ausstellungsort, gebaut wurde, dienten große Räume in beiden Schlossflügeln des Unteren Belvedere tatsächlich der Unterbringung von Orangenbäumen, die einen intensiven Duft verströmt haben dürfte. Stellen wir uns nun den Prinzen bei einem Mittagsschläfchen vor, hier an Ort und Stelle des heutigen Goldkabinetts: Die Türen im Schloss standen offen, und es wehte das frische Odeur von Orangen durch Groteskensaal und Marmorgalerie bis zu Eugens Nase. Kolonialer Import brachte in der Frühen Neuzeit bisher unbekannte Pflanzen und damit neue Gerüche und Geschmäcker in die Gärten und Schlösser Europas. Mitunter baut die hier gefeierte Sinnlichkeit somit auch auf Raubbau an der Natur in anderen Kontinenten auf.
Neben der Allegorie des Geruchssinns sitzt ein Affe vor einer Obstschale und scheint sich gerade die Finger abzuschlecken, die vielleicht noch nach Orangen oder anderen Zitrusfrüchten schmecken. Das Tier symbolisiert den Geschmackssinn. Dieser Sinn, wenn auch durch seine Gestalt als Affe und seine Positionierung vermutlich hierarchisch auf den letzten Platz verwiesen, hat den anderen Sinnen etwas voraus: Er umfasst noch eine weitere, europäisch geprägte Vierergruppe, nämlich die vier Geschmacksrichtungen süß, sauer, bitter und salzig.
Die Fünf Sinne von Hans Makart
Apropos süß: Der opulente Barockstil des 17. und 18. Jahrhunderts wurde (nach einer eher nüchternen Phase des Klassizismus und Biedermeier) in der zweiten Hälfte des 19. Jahrhunderts bewusst wieder aufgegriffen. Seine Formen- und Farbenpracht wurde dabei bis zur ironisierenden Süße gesteigert. Dafür steht besonders ein Künstlername: Hans Makart.
In der Sammlung des Belvedere befinden sich fünf hochformatige Gemälde der fünf Sinne, die Makart, für ihn typisch, als nackte Frauenfiguren dargestellt hat. Vor dem Hintergrund üppiger Bäume und Pflanzen zeigen sie jeweils eine andere Körperseite, sodass sie in Abfolge betrachtet eine Drehbewegung zu vollziehen scheinen.
An der Schwelle zwischen erotischem Akt und vermeintlich ernst gemeinter Allegorie setzte der Maler den weiblichen Körper künstlerisch immer wieder in Szene, blieb aber in dieser Gemäldegruppe der Fünf Sinne in Bezug auf die tatsächliche Körperlichkeit noch verhalten. Immerhin war es noch das 19. Jahrhundert, eine Epoche verstärkter Triebkontrolle. Der Gehörsinn posiert eher mit der Hand am Ohr, als wirklich zu lauschen. Das „Gefühl“, also der Tastsinn, ist zwar ähnlich wie im Goldkabinett als eine Art Mutter-Kind-Paarung vorgestellt, hier jedoch in einem Moment einer etwas ungelenken Akrobatik. Der Geschmackssinn ist bei Makart deutlich zurückhaltender als der Affe im Goldkabinett: Eine Frauengestalt scheint weniger Früchte zu essen, geschweige denn wirklich zu pflücken, als vielmehr eine elegante Rückenansicht darzubieten. Nur der Geruchssinn taucht die Nase genussvoll in die Blüte und hält dabei, wie in Reverenz an den wohligen Duft, den ganzen Ast fest.
Die Vermutung liegt nahe, dass Makart dem Sehsinn (hier „Gesicht“), der europäischen Tradition folgend, die größte Bedeutung einräumte, indem er die Figur in der Vorderansicht präsentierte. Die Frauenfigur betrachtet sich selbst im Spiegel, ähnlich der Allegorie im Goldkabinett. Damit lieferte Makart diesen nackten Frauenkörper allerdings, mehr noch als die Allegorien der anderen Sinne, frontal dem Blick der Betrachtenden aus - genauer gesagt dem sexualisierenden männlichen Blick, dem sogenannten Male Gaze. Dieser prägt nicht nur die Kunst, sondern dominiert eigentlich die gesamte visuelle Kultur.
Unser Alltag ist geprägt von einer Vielfalt an Sinneseindrücken. Manchmal werden sie uns zu viel, und manchmal verlangt es uns förmlich nach einem spezifischen Geschmack, Geruch oder Gefühl. Vielleicht haben Sie jetzt Lust auf frisches Obst oder einen besonderen Duft. Vielleicht wollen Sie wieder einmal Ihre Lieblingsmusik hören, Ihren liebsten Fensterplatz für den schönen Ausblick einnehmen oder Ihr angenehmstes Kleidungsstück auf der Haut spüren? Lassen Sie sich inspirieren, finden Sie einen Moment der Ruhe und geben Sie sich den Sinnen hin.