Ein Raum aus Gold: Die Vier Jahreszeiten
Genauer betrachtet: Das Goldkabinett im Unteren Belvedere
Zwischen Goldglanz und Spiegeln zieren sie die Wände des Goldkabinetts im Unteren Belvedere. Auf den ersten Blick erscheinen sie uns als unterhaltsame, beinahe wunderliche Figuren – doch sie sind mehr als nur dekoratives Beiwerk. Sie geben einen Einblick in die Weltanschauung des Barock und die antike Lehre der vier Elemente.
Die Serie „Ein Raum aus Gold“ widmet sich den allegorischen Vierheiten des Goldkabinetts im Unteren Belvedere – den Jahreszeiten, Elementen, Temperamenten, Kontinenten, Tageszeiten und Sinnen.
Philipp-Reichel-Neuwirth
Johannes Stoll / Belvedere, Wien
Die europäische Vier
Quartier Belvedere, Sonnwendviertel, Quattro Stagioni, im nächsten Quartal, in einer Viertelstunde – Raum, Zeit und Pizza werden gern geviertelt.
Die Ordnung der Welt in Vierergruppen prägt europäisches Denken seit Jahrhunderten: Städte waren oft in vier Viertel gegliedert, und nach damaliger europäischer Vorstellung setzte sich die Erde aus vier Kontinenten zusammen. Der Mensch orientiert sich an vier Himmelsrichtungen. Auch die für uns selbstverständliche Einteilung des Jahres in vier Jahreszeiten ist Teil dieser Tradition – und keineswegs überall gültig. In subtropischen Regionen etwa herrschen andere Zeitordnungen vor, häufig bestimmt durch Regen- und Trockenzeiten oder Wetterphänomene wie den Monsun.
Die vier Jahreszeiten in europäischer Kunst und Kultur
Die Einteilung des Jahres in vier Jahreszeiten hängt zwar mit dem europäischen Klima zusammen, doch was wir mit Frühling, Sommer, Herbst und Winter verbinden, ist auch kulturell geprägt. Klassikmusikfans denken etwa an Antonio Vivaldis Vier Jahreszeiten, die die jeweilige Witterung klanglich erfahrbar machen. Viele Mitteleuropäer*innen kennen zudem die stereotypen Kindergartenzeichnungen: den Winter mit Schneemann, den Herbst mit bunten Blättern, den Sommer mit lachender Sonne oder den Frühling mit Osterhasen unter grünen Bäumen.
Lange bevor Schneemann und Osterhase die Jahreszeiten verkörperten, stellte die europäische Kunst sie in menschlicher Gestalt dar. Ein römischer Rundaltar aus dem 1. Jahrhundert n. Chr. zeigt Kinderfiguren: den Frühling mit Blüten und ersten Früchten, den Sommer mit Sichel und Korn, den Herbst mit Weintrauben und den Winter in warmer Kleidung.
Die vier Jahreszeiten im Unteren Belvedere
An der Decke des Groteskensaals im Unteren Belvedere (erbaut 1712–1717) erscheinen die vier Jahreszeiten als antike Gottheiten. Flora verkörpert den Frühling mit Blumengirlanden und einem kleinen Amor, Ceres steht mit Ährenbündel für die sommerliche Ernte, Bacchus trinkt Wein als Sinnbild des Herbstes. Saturn wiederum, der Gott der Zeit, sinniert melancholisch über das Ende des Jahreskreises im Winter.
Im Goldkabinett treten die Jahreszeiten in etwas anderer Form auf. Bacchus tritt hier als junger, schlanker Mann auf, während der Sommer – ähnlich wie Ceres im Groteskensaal – ein Bündel Ähren im Arm hält. Der Frühling wird nicht durch Flora und das Blühen der Natur dargestellt, sondern durch Venus auf einem Muschelwagen gemeinsam mit Amor der zwischenmenschlichen Liebe gewidmet. Der Winter fällt aus der Reihe: Er besitzt keine göttlichen Attribute, sondern erscheint als alter Mann, der sich an einem Feuerkorb wärmt.
Transport und Übermalungen
Die vergoldeten und bemalten Holztafeln stammen ursprünglich aus dem Kabinett im Stadtpalais des Prinzen Eugen und wurden 1752 in das Untere Belvedere überführt. Die heutigen Jahreszeitenbilder dürften dabei aus einer Übermalung der ursprünglichen Darstellungen hervorgegangen sein.
Eine gezeichnete Darstellung des Kabinetts im Stadtpalais von Salomon Kleiner (1700 1761), einem Vedutenzeichner und Kupferstecher, belegt diese Veränderungen: Während die Figur des Sommers wiedererkennbar bleibt, wurden die übrigen drei deutlich umgestaltet. Der Herbst erschien im Stadtpalais noch als korpulenter Bacchus auf einem Weinfass und wurde für das Goldkabinett verschlankt. Der Winter war ursprünglich als stehender Bär dargestellt; in das Untere Belvedere gelangte nur noch die Feuerschale.
Besonders stark veränderte sich der Frühling. Im Goldkabinett erscheint er als geflügelte Umarmung von Venus und Amor. In Kleiners Zeichnung sitzt auf dem Wagen jedoch keine Liebesgöttin, sondern ein Befehlshaber, der sich auf einen Stab stützt – möglicherweise ein Zepter oder ein Marschallstab.
Der Frühling als Kriegssaison
Diese Darstellung lässt sich vermutlich mit dem Hausherrn erklären. Prinz Eugen wird in Porträts und Fresken häufig als Oberbefehlshaber mit Marschallstab gezeigt. Der Frühling war traditionell die Kriegssaison, die Zeit, in der militärische Offensiven begannen. Für die großen Schlachten der Sommermonate waren die Frühlingsmonate entscheidend: Armeen wurden mobilisiert, Nachschub organisiert, Truppen in Stellung gebracht und militärische Konfrontationen vorbereitet. Es überrascht demnach nicht, wenn den Besucher*innen des Stadtpalais „der Frühling“ als Heerführer auf einem Kriegswagen präsentiert wurde. Diese Machtsymbolik der vermeintlich lieblichen Jahreszeit hat auch unabhängig vom Kriegsherrn Prinzen Eugen kunsthistorische Vorbilder – in zahlreichen Gemälden erscheint der Frühling auf einem Triumphwagen, mit dem er sich das Jahr siegreich zu eigen macht.
Mehr als nur Dekoration
In der Forschung werden die Darstellungen der Jahreszeiten im Unteren Belvedere üblicherweise mit den umliegenden Gartenanlagen in Verbindung gebracht, in denen Prinz Eugen den Wandel der Natur unmittelbar erleben konnte. Nach 35 Jahren militärischer Kampagnen hielt er sich ab etwa 1718 dauerhaft in Wien auf und verbrachte die wärmeren Monate häufig in seinem „Garten“, wie er die gesamte Belvedere-Anlage vor den Toren der Stadt selbst bezeichnete. Die zusätzliche Bedeutung des Frühlings als Auftakt der Kriegssaison – wie sie die frühere Darstellung im Stadtpalais suggeriert – verleiht der Jahreszeitensymbolik jedoch eine repräsentative Funktion, die mehr als dekorativ ist.
In Kombination mit weiteren Vierergruppen im Goldkabinett – den Elementen, Temperamenten, Kontinenten, Tageszeiten und Sinnen – entsteht darüber hinaus ein umfassender Sinnzusammenhang, der die Verwendung als bloße Lustschlossornamentik deutlich überschreitet. Diesen widmen wir uns in den folgenden Beiträgen.