Playing Art
Wie Game Jams neue Perspektiven auf Kunst eröffnen
Manche Menschen kreieren Kunstwerke. Andere schreiben über sie. Wieder andere kuratieren Ausstellungen.
Und manche machen daraus Spiele.
Was zunächst ungewöhnlich klingt, eröffnet einen völlig neuen Blick auf Kunst. Denn wer ein Gemälde nicht nur betrachten, sondern daraus ein Spiel entwickeln soll, stellt andere Fragen: Welche Geschichte steckt darin? Welche Entscheidungen müssten Spieler*innen treffen? Welche Stimmung ließe sich erfahrbar machen? Welchen Mehrwert kann ein interaktiver Zugang schaffen?
Lisa Ebner-Kollmann
© SUBOTRON
© Belvedere, Wien
© Michele Agostinis
Genau dieser Perspektivwechsel stand auch im Zentrum der Subotron Austrian Game Jams 2026, einer österreichweiten Game Jam Reihe, die von der Wiener Spielekultur-Plattform Subotron gemeinsam mit dem Belvedere und Games for Change organisiert wurde und an acht Universitäten und Hochschulen stattfand. Unter dem Motto „Playing Art“ ermutigte das Belvedere Studierende dazu, ausgehend von Kunstwerken und Themen der Sammlung, neue Spielkonzepte zu entwickeln – und dabei ungewohnte Zugänge zu Kunst und kulturellem Erbe zu erschließen.
Was ist eigentlich ein Game Jam?
Das Prinzip ist einfach: Innerhalb eines begrenzten Zeitraums kommen Menschen mit unterschiedlichen Fähigkeiten zusammen, bilden Teams und entwickeln gemeinsam ein Spiel. Perfektion steht dabei nicht im Vordergrund. Entscheidend sind Ideen, Experimente und der kreative Prozess.
Die Teilnehmenden bringen meist ganz unterschiedliche Hintergründe mit. Manche verfügen über jahrelange Erfahrung mit Game Engines wie Unity, Unreal oder Godot. Andere haben noch nie programmiert, bringen dafür aber konzeptionelle, gestalterische oder erzählerische Kompetenzen ein. Gerade diese Vielfalt macht den Reiz vieler Game Jams aus.
Die gemeinsame Herausforderung besteht darin, innerhalb kurzer Zeit aus einer ersten Idee einen funktionierenden Prototypen entstehen zu lassen. Das erfordert Kreativität, Improvisationsvermögen und die Fähigkeit, unterschiedliche Perspektiven miteinander zu verbinden.
Kunst als Ausgangspunkt
Für Museen sind Game Jams besonders interessant, weil sie einen Perspektivwechsel ermöglichen. Statt Kunstwerke lediglich zu betrachten oder zu analysieren, müssen die Teilnehmenden sie aktiv interpretieren und in eine neue Form übersetzen. Dabei spielen auch Fragen nach den geeigneten Spielmechaniken, Spielzielen und Motivatoren eine Rolle.
Aber auch für Spieleentwickler*innen und Designer*innen kann die Schnittstelle zur Bildenden Kunst eine Quelle der Inspiration darstellen, da dadurch
„eine pointierte Auseinandersetzung mit dem
eigenen – vom Museum bewahrten und zugänglich gemachten – künstlerischen Erbe"
ermöglicht wird, erklärt Subotron-Gründer Jogi Neufeld. Game Jams wie diese bergen, so Neufeld, das Potenzial, mit neuen Partner*innen neue Wege der Bewusstseinsbildung und Vermittlung zu beschreiten.
Spielen, lernen, mitgestalten
Die Beteiligung an Game Jams ist für das Belvedere Teil eines größeren Ansatzes. Mit der Initiative „Belvedere Games“ erforscht das Museum seit mehreren Jahren das Potenzial von Spielen als Werkzeuge des Lernens und der kulturellen Teilhabe. Dahinter steht die Überzeugung, dass Spiele nicht nur Wissen vermitteln, sondern auch kritisches Denken, Problemlösungskompetenz und den Perspektivwechsel fördern können.
Der Ansatz dieser „Play to Learn“-Strategie ist dabei bewusst ganzheitlich angelegt. Spiele sollen neue Interessierte für Kunst und Kultur begeistern und Besucher*innen vor Ort auf spielerische Weise begleiten. Gleichzeitig eröffnet das Belvedere durch partizipative Formate wie Game Jams Räume, in denen Kunst nicht nur rezipiert, sondern gemeinsam weitergedacht und neu interpretiert werden kann.
Game Jams sind darüber hinaus eine Form des Community Building. Sie bringen das Museum mit Menschen aus der Popkultur-, Gaming-, Design- und Entwickler*innen-Community in Kontakt und schaffen neue Verbindungen zwischen kultureller Vermittlung, kreativem Schaffen und digitaler Kultur. Zeitgleich ermöglicht es Entwickler*innen einen direkten Zugang zu und intensivere Auseinandersetzung mit dem Kulturgut.
Das Belvedere sammelte bereits 2024 beim #1 Culture GameJam Vienna im Belvedere 21 erste Erfahrungen mit diesem Format. Hierbei trat das Museum als Partnerinstitution von Change Tourism Austria – einer Initiative der Österreich Werbung – auf. 2025 folgte die Beteiligung am Truth, Lies & Democracy Game Jam, der im Rahmen des Programms der Europäischen Demokratiehauptstadt Wien stattfand und sich mit Fragen von Demokratie, Wahrheit und Desinformation auseinandersetzte. Die Beteiligung an den Subotron Austrian Game Jams 2026 knüpft an diese Erfahrungen an und erweitert sie erstmals auf mehrere Hochschulstandorte in ganz Österreich.
Eine Sammlung – viele Zugänge
„Playing Art“ war dabei eines von insgesamt vier Themenfeldern der Subotron Austrian Game Jams 2026. Alternativ konnten die Teilnehmerinnen auch zu den von Games for Change vorgeschlagenen Themen „Outgrow Hunger“, „All in for Nature“ und „Own the Road“ arbeiten.
Wie unterschiedlich die Zugänge zu „Playing Art“ aussehen können, zeigte sich zum Beispiel beim Game Jam an der Universität für angewandte Kunst Wien (26. & 27. März 2026). In zwei Räumen arbeiteten Studierende aus fünf verschiedenen Klassen gemeinsam an ihren Ideen. Auf dem Boden lagen Post-it-Sammlungen aus vorangegangenen Brainstormings, an den Wänden waren Ablaufpläne und Zwischenstände projiziert.
Es wurde diskutiert, skizziert und ausprobiert. Rund drei Viertel der Teilnehmenden nahm zum ersten Mal an einem Game Jam teil. Die meisten brachten allerdings schon praktische Erfahrung mit Spielentwicklungssoftware mit.
Einige Teams gingen von konkreten Werken aus und entwickelten ihre Konzepte direkt aus deren Motiven oder Bildwelten. Andere näherten sich dem Thema über allgemeine Fragestellungen. Ein Team experimentierte etwa mit Texturen aus Kunstwerken, ein anderes setzte sich mit der Frage auseinander, wie lange wir Bilder eigentlich betrachten und welche Details dabei sichtbar werden. Wieder andere griffen gesellschaftliche Themen auf und untersuchten die Rolle von Kunst als Orientierungspunkt, Erinnerungsraum oder Medium der Reflexion.
Gerade diese Offenheit macht den Reiz des Formats aus: Es gibt nicht den einen richtigen Zugang zur Kunst. Vielmehr entstehen neue Perspektiven, die häufig auch für die beteiligten Museen überraschend sind.
Game Jams sind anspruchsvolle Formate. Zeitdruck, technische Herausforderungen und die Notwendigkeit, unterschiedlichste Kompetenzen in kurzer Zeit zusammenzubringen, gehören zum Konzept.
Warum sich der Aufwand lohnt
Game Jams sind anspruchsvolle Formate. Zeitdruck, technische Herausforderungen und die Notwendigkeit, unterschiedlichste Kompetenzen in kurzer Zeit zusammenzubringen, gehören zum Konzept. Gerade darin liegt jedoch ihr Potenzial.
Für die Teilnehmenden bieten sie die Möglichkeit, neue Fähigkeiten zu erproben, voneinander zu lernen und ungewöhnliche Kooperationen einzugehen. Für Museen schaffen sie Räume, in denen nicht nur Kunst vermittelt, sondern gemeinsam weitergedacht wird. Die entstandenen Spiele sind dabei weniger Endprodukte als sichtbare Ergebnisse eines kreativen Aushandlungsprozesses und zollen dem gesellschaftlichen Auftrag zur zeitgemäßen und innovativen Vermittlung, insbesondere für junge Zielgruppen, Tribut.
Sie zeigen, wie kulturelles Erbe immer wieder neu gelesen, interpretiert und in zeitgenössische Formen übersetzt werden kann
Ausblick
Die im Rahmen der Subotron Austrian Game Jams 2026 entstandenen Projekte sollen Ende November im Belvedere 21 erstmals öffentlich präsentiert werden.
Vielleicht liegt gerade darin die spannendste Qualität solcher Formate: Sie eröffnen nicht nur neue Zugänge zur Kunst, sondern ermöglichen Begegnungen zwischen Menschen, Disziplinen und Communities, die im Museumsalltag sonst selten zusammenfinden. Aus dem Betrachten wird Mitgestalten – und aus Kunst wird ein Ausgangspunkt für neue Ideen, neue Perspektiven und manchmal sogar neue Spiele.