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Die Zukunft, die machen wir

Kunst, Klima und neue Perspektiven auf Wandel

Perspektiven
16.04.2026
6 Min. lesen
Foto: Ouriel Morgensztern / Belvedere, Wien

Erde, Kunst und Klima:
eine Gesprächsrunde mit Katrin Vohland, Claudius Schulze und Christiane Erharter anlässlich der Klima Biennale 2024.

Conversation Participants

Katrin Vohland
Claudius Schulze
Christiane Erharter

Moderation

Simon Hadler

Fotos

Ouriel Morgensztern
eSeL.at

 

Foto: Harald Kicker © sonnwendgarten.at

Der Katastrophendiskurs, inhaltlich richtig, aber strategisch fatal, wird zunehmend von widerständigem Aufbruchsgeist abgelöst. Darüber diskutierten: Katrin Vohland, Biologin, prominente Verfechterin der Citizen Science (Wissenschaft mit Bürgerbeteiligung) in Europa, seit 2020 Generaldirektorin des Naturhistorischen Museums Wien; Claudius Schulze, forschender Künstler und künstlerische Leitung der Klima Biennale Wien; Christiane Erharter, Belvedere-Kuratorin für Community Outreach und Public Program zu Themen wie Biodiversität und Ökofeminismus mit Projekten zur Vernetzung in der Nachbarschaft.

„Mich berührt am meisten die Frage, wie wir uns angesichts des Klimawandels als Menschheit definieren.“

Katrin Vohland

Foto: Ouriel Morgensztern / Belvedere, Wien

 

Simon Hadler

Im Mission Statement der Klima Biennale Wien ist viel vom multiperspektivischen Ansatz und vom ganzheitlichen Denken die Rede.

Claudius Schulze

Bei diesem Ansatz geht es nicht so sehr um ökologisch-wissenschaftliche Fragen – die sind im Grunde geklärt, es fehlen nur noch Details. Im Prinzip wissen wir spätestens seit dem Club of Rome-Bericht Die Grenzen des Wachstums von 1972, dass die natürlichen Ressourcen bald erschöpft sind. Uns geht es um die momentan viel schwieriger zu beantwortenden gesellschaftlich-politischen Fragen. Vor allem um die nach einer lebenswerten Zukunft – wie die aussehen könnte und wie wir dort hinkommen.

Katrin Vohland

Mich berührt am meisten die Frage, wie wir uns angesichts des Klimawandels als Menschheit definieren. Menschen werden aufgrund der steigenden Meeresspiegel ihre Heimat aufgeben müssen, weil viele große Städte an den Küsten liegen. Migrationsströme werden um die Erde ziehen, und wir bauen hier an der Festung Europa – das ist für mich eine ganz schwierige Vorstellung. Was verbindet uns als Menschheit eigentlich?

Simon Hadler

Mögliche Zukunftsszenarien bringen mich zum Public Program des Belvedere. Virtuell zu Gast war zum Beispiel Donna Haraway mit ihrer Vision vom Menschheitszeitalter des Chthuluzän, das kein Negativbegriff ist wie das Anthropozän, das für den menschengemachten Klimawandel steht, sondern bereits den Geist von Veränderung in sich trägt. Was hat es damit auf sich?

Christiane Erharter

Donna Haraway ist seit Jahrzehnten eine wichtige feministische Theoretikerin und Denkerin. Seit ihrem Manifest für Cyborgs wird sie international beachtet. Ihre erste Disziplin ist die Biologie, und mit Manifest der Gefährten hat sie ein großartiges Buch über das Zusammenleben der Arten geschrieben. In ihrem letzten Buch Unruhig bleiben. Die Verwandtschaft der Arten im Chthuluzän legt sie dar, wie alle Arten miteinander verwoben und vernetzt sind, und fordert, auf die Klimakrise nicht fatalistisch zu reagieren und zu sagen „Es geht eh alles den Bach runter“, sondern Verantwortung zu übernehmen und für Probleme eine Lösung zu finden. Trotz der von Menschen verursachten Misere.

 

Im Public Program, einer Veranstaltungsreihe bei freiem Eintritt, die ich seit mehr als fünf Jahren kuratiere, stehen drängende Fragen und Herausforderungen der Gegenwart im Mittelpunkt, die aus der Perspektive der Kunst betrachtet werden. Es geht unter anderem um Fragen nach den Alternativen zum Kapitalismus, um dessen Grenzen und um die Ermöglichung eines guten Zusammenlebens aller. Der Ökofeminismus proklamiert ja schon lange ein Ende der profitorientierten Ausbeutung der Natur, das meint Degrowth und Subsistenzwirtschaft, das ökologische Wirtschaften für den Eigenbedarf.

Katrin Vohland

Auch ich finde den ökofeministischen Ansatz spannend. Die Arbeiten von Frauen, die sich mit Care, mit Reproduktion beschäftigen, werden im Allgemeinen nicht oder viel geringer als etwa Börsenspekulationen wahrgenommen. Geld kann man in Macht übersetzen. Was Frauen machen, ist umsonst. Auch die Natur ist umsonst – also kann man sie nutzen, wie man will. Die Natur hat keine Macht, also werden die Klimarahmenkonvention und die Biodiversitätskonvention der UNO mit viel weniger Mitteln ausgestattet als Konventionen zu anderen Themen.

Claudius Schulze

Wenn wir über Care-Arbeit sprechen, geht es auch um die Care- und Fürsorgearbeit, die wir dem gesamten System entgegenbringen müssen. Darum geht es der Klima Biennale Wien. Wir müssen fürsorglich mit dem Gesamtsystem umgehen, letztendlich aus den gleichen Gründen, warum die von Frau Vohland angesprochene weibliche Care-Arbeit so wichtig ist – nämlich für den eigenen Arterhalt. Das ist eine vollkommen paradoxe Situation. Der Homo sapiens ist mit Sicherheit die erste Art auf diesem Planeten, die aus rationalen Gründen Care-Arbeit für den eigenen Arterhalt leisten muss, weil sie die erste Art ist, die sich in die Lage gebracht hat, sich selbst auszurotten.

Simon Hadler

Da kommen wir von den Visionen schon zu den Strategien – von Haraways Hinweis auf die Verwandtschaft der Arten über Care-Arbeit für den Arterhalt bis zum Umbau des Naturhistorischen Museums Wien. Frau Vohland, die Evolution wird eine große Rolle in der neuen Dauerausstellung spielen, gerade im Hinblick auf ökologische Fragen. Warum ist das Thema gerade jetzt wichtig?

Katrin Vohland

Zur Evolution hat sich in den Köpfen der Menschen das Bild verankert, dass immer der Stärkste überlebt. Aber wenn man sich die Menschen etwas genauer ansieht: Warum sind wir eigentlich so wahnsinnig erfolgreich? Nicht weil wir uns gegenseitig umbringen, sondern weil wir kooperieren. Wir werden sehr hilflos geboren. Müssten Frauen Säuglinge in der Natur allein durchbringen, wären alle Menschen tot. Die nötigen Kalorien wären für sie gar nicht aufzubringen. Das heißt: Kooperation spielt in der menschlichen Evolution eine ganz große Rolle. Das ist auch ein Grund, warum sich Sprache entwickelt hat.

 

 

Simon Hadler

Biologische Vielfalt ist nicht zuletzt in der Erde selbst zu finden – und der widmen Sie im Naturhistorischen Museum eine eigene Sonderausstellung. 

Katrin Vohland

Im Architekturzentrum Wien war 2020/21 die Ausstellung Boden für alle zu sehen, in der Bodenprofile, also Querschnitte von Böden, unter Parkplätzen gezeigt wurden. Wenn Boden versiegelt wird, verliert er komplett seine Funktionalität, da ist eben kein Boden mehr. Und das ist nur sehr langwierig rückgängig zu machen. Böden brauchen lange, um wirklich Böden zu werden. Was nützt uns eine Biodiversitätsstrategie, wenn dann jede einzelne Kommune doch ihren Parkplatz, ihr Kaufhaus, ihre neue Reihenhaussiedlung baut?

Simon Hadler

Können wir uns zum Abschluss der Debatte darauf einigen, dass es vor allem darum geht, den Menschen Lust zu machen auf gesellschaftliche, politische, wirtschaftliche und ökologische Erneuerung, anstatt nur die Katastrophe darzustellen? Schulze: Ja, wir müssen auf die emotionale Bindung zwischen Menschen und Natur hinweisen. Wörter, auf die ich ganz sensibel reagiere, sind zum Beispiel Verzicht oder Degrowth. Ich würde immer Post-Growth sagen. Und ich würde auch nicht sagen, dass wir auf etwas verzichten müssen. Weil: Wir werden dafür etwas anderes bekommen. Es geht um Veränderung. Und dazu gehört immer auch ein bisschen Angst. Die gilt es abzuschwächen.

Es geht darum, Veränderungen positiv und als Gestaltungsmöglichkeit zu sehen. Dann kommen wir alle auch aus der Opferrolle heraus und erleben uns als Menschen, die etwas verändern können, die Entscheidungshoheit haben. Wir können den Klimawandel so stark wie möglich zurückdrängen, müssen aber auch im Einklang mit den Auswirkungen der Klimakrise leben. Dabei sind wir Akteur*innen, nicht Opfer. Wir sind in einer handelnden Rolle – das ist eine positive, lösungsorientierte Sichtweise. 

Christiane Erharter

Auch wir hier in dieser Runde sind Akteur*innen. Die Verantwortung von Museen ist die Vermittlung von Inhalten, von Ideen. Das bedeutet auch, dass Institutionen Sachverhalte so erklären und aufbereiten müssen, dass unterschiedliche Zielgruppen sie verstehen können – ohne die Inhalte zu verkürzen.

Katrin Vohland

Genau, Aufgabe der Museen ist die Zugänglichmachung. Wir brauchen einen Change-Prozess hin zu positiven Visionen. Damit wir positive Handlungsweisen für eine nachhaltige Zukunft verstärken können, brauchen wir eine positive Verbindung zu den Menschen. Irgendwann ist die Erde weg, weil die Sonne sich aufbläht, und schon viel früher wird es die Menschheit nicht mehr geben – aber bis dahin haben wir noch Zeit, bis dahin gibt es das Leben, bis dahin steht uns noch ganz viel Zukunft zur Verfügung. Wenn es den Menschen gut geht, sind sie selbstwirksam, nehmen die Dinge in die Hand und gestalten die Zukunft mit. Die Zukunft, die machen wir.

 

 

Artikel erstmalig erschienen im "Belvedere Kunstmagazin" Nr. 1-2024.

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