Erika Giovanna Klien
Im Bild: Bewegung verstehen
Ein Vogel breitet seine Flügel aus. Doch statt eines einzelnen Augenblicks scheint eine ganze Bewegungssequenz sichtbar zu werden: Konturen überlagern sich, Linien setzen sich fort, Formen verschieben sich. Fast so, als ließe sich das rhythmische Durchqueren des Raumes für einen Moment anhalten und auseinandernehmen, um es genauer zu betrachten.
Lisa Ebner-Kollmann
Flugbahnen von Vögeln beschäftigten Erika Giovanna Klien über Jahrzehnte. Immer wieder zeichnete und malte sie Flügel, aerodynamische Körper und Bewegungsabläufe – in einem freien Wechsel zwischen figurativ und abstrakt, sodass sich manche dieser Arbeiten heute kaum einem bestimmten Zeitpunkt zuordnen lassen. Dabei ging es Klien nicht einfach darum, einen Vogel im Flug abzubilden. Sie wollte verstehen, wie die verschiedenen Bewegungsarten funktionieren: Das Gleiten, das Drehen, der Sturzflug. Sie beobachtete und analysierte und übersetzte das Gesehene schließlich in Linien, Flächen und geometrische Formen.
Erika Giovanna Klien (1900–1957) gilt als eine der bedeutendsten Vertreter*innen des Wiener Kinetismus. Geboren im heutigen Trentino, kam sie 1919 mit ihrer Familie nach Wien und studierte an der Kunstgewerbeschule bei Franz Čižek. In dessen Klasse für ornamentale Formenlehre entstand Anfang der 1920er-Jahre der Kinetismus, eine Kunstrichtung, die die Auseinandersetzung mit einer zunehmend beschleunigten modernen Welt ins Zentrum rückte.
Doch Klien blieb nicht bei einer einmal gefundenen Bildsprache. Für sie bedeutete Kinetismus nicht, lediglich den Eindruck von Geschwindigkeit und Bewegung wiederzugeben. Sie wollte deren Prinzipien erkennen und sichtbar machen. Gerade darin sah sie selbst einen Unterschied zum Futurismus: Für Klien wurde Bewegung zum Gegenstand genauer Beobachtung und Analyse. Der Kinetismus blieb dabei ein wichtiger Ausgangspunkt, nicht aber die Grenze ihres künstlerischen Schaffens.1940 beschrieb sie diesen Schritt selbst als Befreiung:
„Ich bin weder Kubist noch Expressionist noch Kinetist noch sonstwie ‚-ist‘ sondern einfach ein Maler, der alles malen kann […]. Es ist als ob ich im Gefängnis formaler Kunstrichtungen eingesperrt gewesen wäre und plötzlich ist ein ‚Türl‘ aufgesprungen und ich ströme hinaus in die Freiheit.“
Als Klien 1929 nach New York übersiedelte, veränderte sich ihr Blick ohne, dass die Fragen, die sie beschäftigten, verschwanden. Die Metropole mit ihren Wolkenkratzern, Brücken, Straßen und Maschinen eröffnete ihr neue Motive und bot künstlerische Impulse.
Zugleich rückten soziale Fragen und die Lebens- und Arbeitsrealität der Menschen stärker in ihren Fokus. An der progressiven New School for Social Research, wo Klien ab 1931 unterrichtete, begegnete sie den monumentalen Wandbildern von José Clemente Orozco und Thomas Hart Benton. Deren sozialkritische Themen und klare, zugängliche Bilderzählung dürften sie nachhaltig beeindruckt haben.
Arbeitswelt, Straßenbau und technische Infrastruktur der modernen Großstadt wurden in der Folge ebenso ins Bild gesetzt wie ihr Gegenteil, handwerkliche, häusliche und landwirtschaftliche Tätigkeiten. Bewegung blieb dabei präsent, wurde aber Teil einer umfassenderen Auseinandersetzung mit der Welt, in der Klien lebte.
Auch ihre langjährige Tätigkeit als Kunstpädagogin war mehr als ein Broterwerb neben ihrer künstlerischen Praxis. Schon während ihrer Zeit als Hospitantin in Čižeks Jugendkunstklasse an der Wiener Kunstgewerbeschule beschäftigte sie sich mit der Frage, wie Kinder wahrnehmen und gestalten. Später unterrichtete sie über viele Jahre selbst und untersuchte Wahrnehmungs- und Gestaltungsprozesse in der kindlichen Entwicklung. Die Kunst der Kinder wurde dabei wiederum zur Inspirationsquelle für ihr eigenes Schaffen. Klien war überzeugt, dass schöpferische Tätigkeit nicht wenigen vorbehalten sein sollte.
„Jeder Mensch sollte praktisch und schöpferisch tätig sein. Arbeitsteilung ist nicht Menschteilung“, schrieb sie 1948 an ihren Sohn Walter.
Die Ausstellung „Erika Giovanna Klien. Alles ist Bewegung“ im Unteren Belvedere entstand in Zusammenarbeit mit dem Istituto Italiano di Studi Germanici in Rom sowie der Universität für angewandte Kunst Wien – Kunstsammlung und Archiv. Die bislang umfangreichste Ausstellung zu Erika Giovanna Klien zeigt die Vielseitigkeit der Künstlerin anhand einer umfassenden Werkauswahl und neuester Forschungsergebnisse. Statt ihr Schaffen streng chronologisch in eine europäische und eine amerikanische Phase zu teilen, macht sie Kontinuitäten sichtbar, die sich durch Jahrzehnte, Medien und Lebensorte ziehen. Neben bekannten Arbeiten sind dabei auch Werke zu sehen, die bislang noch nie öffentlich gezeigt wurden.
So erscheint Erika Giovanna Klien nicht nur als zentrale Vertreterin des Wiener Kinetismus, sondern als unermüdliche Beobachterin, die verstehen wollte, wie die Welt funktioniert und wie wir sie wahrnehmen. Ihr Werk zeigt, wie konsequent sie diese Fragen immer wieder neu stellte und damit weit über die Grenzen des Kinetismus hinausging.