Im Bild: Sue Williams
Zwischen Schönheit und Verstörung
Wer die Ausstellung von Sue Williams im Belvedere 21 betritt, nimmt vielleicht zunächst leuchtende Farben, dynamische Linien und Bilder voller Bewegung wahr. Besonders die Gemälde, die ab den späten 1990er Jahren entstehen, wirken beinahe verspielt, zeigen feine Muster oder Farbexplosionen. Doch je länger man hinsieht, desto mehr kippt die Stimmung: Körperfragmente, Gewalt, sexuelle Anspielungen und Szenen der Zerstörung tauchen plötzlich aus dem scheinbar Harmonischen und Abstrakten auf.
Katarina Lozo & Lisa Ebner-Kollmann
Portrait: Lina Bertucci, Courtesy 303 Gallery, New York.
Werkansichten: Johannes Stoll / Belvedere, Wien
Genau mit dieser Spannung zwischen Nah und Fernsicht, Gegenständlichem und Abstraktem, Ästhetik und Abstoßung arbeitet Sue Williams. Die 1954 in Chicago Heights geborene Künstlerin lebt und arbeitet in Brooklyn, New York, und zählt zu den prägenden Stimmen der zeitgenössischen Malerei. International bekannt wurde sie in den frühen 1990er-Jahren mit Arbeiten, die gesellschaftliche Machtverhältnisse, Gewalt gegen Frauen und politische Realität in einer kruden Bildsprache unmittelbar thematisieren.
Williams entschied sich bewusst für die Malerei – ein Medium, in dem weibliche Körper seit Jahrhunderten dargestellt werden, Gewalt und Unterwerfung jedoch oft unausgesprochen bleiben. Ihre frühen Arbeiten greifen genau das auf: In comicartigen, drastischen Szenen macht sie sichtbar, was sonst verdrängt oder verharmlost wird. Neben der dargestellten Brutalität verweisen lakonische Textfragmente auf den perfiden gesellschaftlichen Umgang mit sexualisierter Gewalt, der von Abwertung und Bagatellisierung geprägt ist.
Im Laufe der Jahrzehnte verändert sich Williams‘ Bildsprache immer wieder grundlegend und die Künstlerin entwickelt ein verstärktes Interesse an Prinzipien der Malerei. Szenen und Figuren lösen sich auf, Linien und Farben gewinnen an Eigenständigkeit, abstrakte Formen überziehen ganze Leinwände. Dennoch bleiben ihre zentrale Themen präsent: Körper, Sexualität, Macht und gesellschaftliche Gewalt. Williams lotet dabei die Möglichkeiten des Mediums immer wieder neu aus und bewegt sich zwischen Figuration und Abstraktion, zwischen präziser Zeichnung und explosiver Geste.
Die Ausstellung WHAT NOW im Belvedere 21 macht diese wechselhafte und doch konsequente künstlerische Entwicklung über vier Jahrzehnte hinweg sichtbar. Großformatige Gemälde, dichte All-Over-Kompositionen und detailreiche Bildwelten füllen die Räume mit einer Energie, die mal anziehend, mal verstörend wirkt. Humor, grelle Farbigkeit und groteske Formen stehen neben Bildern von Krieg, Trauma und gesellschaftlicher Zerrüttung.
Dabei sind die Arbeiten brandaktuell. Fragen nach Macht, politischer Gewalt, gesellschaftlicher Spaltung und der Darstellung weiblicher Körper prägen nach wie vor öffentliche Debatten. Williams verbindet diese Themen mit persönlicher Erfahrung, Wut, Ironie und einer Malerei, die sich einer stilistischen Einordnung entzieht. Gerade darin liegt bis heute ihre anhaltende Relevanz.