Erna Rosenstein
Im Bild: Zwischen Erinnerung und Imagination
„Wahrscheinlich hat mich das geformt.“
— Erna Rosenstein über ihre Zeit im politischen Untergrund
Als Erna Rosenstein 1932 nach Wien kam, hofften ihre Eltern auf einen Neuanfang. Die politisch engagierte junge Frau sollte hier an der Wiener Frauenakademie Malerei studieren und Abstand von ihrem Aktivismus gewinnen. Doch Rosenstein schloss sich schon bald erneut einer kommunistischen Jugendorganisation an, verteilte unter dem Decknamen Irma Neumann Flugblätter und erlebte die Februarkämpfe 1934 aus nächster Nähe. Jahrzehnte später sagte sie über diese Zeit:
„Ich glaube, dass mir viele dieser Erfahrungen aus der illegalen Arbeit später […] sehr geholfen haben.“
Gemeint war die Zeit der deutschen Besetzung Polens, während der sie im Untergrund überlebte.
Lisa Ebner-Kollmann
The Estate of Erna Rosenstein - courtesy of Foksal Gallery Foundation and Hauser & Wirth
Erna Rosenstein, Bildschirme, 1951
Muzeum Sztuki, Łódź
© The Estate of Erna Rosenstein - courtesy of Foksal Gallery Foundation and Hauser & Wirth
Erna Rosenstein (1913–2004) zählt heute zu den bedeutendsten Künstler*innen der polnischen Nachkriegsavantgarde. Sie war Malerin, Zeichnerin, Dichterin und schuf auch Assemblagen aus gebrauchten oder gefundenen Objekten. Ihr Werk bewegt sich zwischen Figuration und Abstraktion, Erinnerung und Poesie und entzieht sich einfachen Zuordnungen. Dabei verband sie Wort und Bild auf ganz eigene Weise: Viele ihrer Werke tragen rätselhafte, poetische Titel, die Raum für neue Assoziationen eröffnen, statt eindeutige Erklärungen zu liefern. Hinter ihrer poetischen Bildsprache stehen dabei immer wieder Fragen nach Erinnerung, Gewalt und menschlicher Verletzlichkeit.
Rosensteins Kunst ist eng mit ihrer Lebensgeschichte verbunden. Die Ermordung ihrer Eltern während der Shoah – der systematischen Verfolgung und Ermordung der europäischen Jüdinnen und Juden durch das NS-Regime – fand zeitlebens einen Niederschlag in Rosensteins Werken. In Ihrer künstlerischen Praxis fand sie eine Möglichkeit, Erinnerungen, Traumata und Erfahrungen sichtbar zu machen, für die Worte allein nicht ausreichten. Ihre Bildwelten wirken oft traumhaft und geheimnisvoll:
Leuchtende Linien durchziehen wie Verletzungen monochrome Oberflächen. Auf die Leinwand applizierte Schnüre wecken Assoziationen zu blutenden Wunden. Farbgewaltige, malerisch aufgefasste Gemälde, in denen alles im Fluss erscheint, wechseln sich mit zarten, zeichnerischen Bildstrukturen ab. Dabei verleiht die Künstlerin in ihren Gemälden und Zeichnungen nie der äußeren Wirklichkeit Gestalt, sondern überführt innere, subjektive Räume in eine malerische Realität.
In ihren Assemblagen fügt die Künstlerin Alltagsobjekte zu überraschenden Konstellationen zusammen und verleiht ihnen damit unerwartete, teils ironische Bedeutungen.
Rosenstein hielt nicht an einer einmal gefundenen Bildsprache fest. Ihr Streben nach konsequenter künstlerischer Erneuerung brachte sie selbst wohl am treffendsten zum Ausdruck:
„Natürlich ist man versucht, ein Bild zu haben, das Betrachter*innen auch ohne Signatur erkennen. Aber das ist reine Eitelkeit. Man muss genau das Gegenteil tun.“
Obwohl Erna Rosenstein ihren politischen Überzeugungen zeitlebens verbunden blieb, lehnte sie es ab, Kunst in den Dienst einer Ideologie zu stellen. Während der Zeit des Stalinismus in Polen hielt sie an ihrer vom Surrealimus geprägten Bildsprache fest. Rosenstein verweigerte den politisch geforderten Stil des sozialistischen Realismus und stand öffentlich für die Autonomie der Kunst ein:
„Entweder irrt sich die Partei in Fragen der Kunst oder ich irre mich – die Zeit wird es zeigen.“
Diese Überzeugung prägte ihr gesamtes künstlerisches Schaffen.
Die Ausstellung „Erna Rosenstein. Jenseits der Stille“ im Unteren Belvedere zeichnet ihr außergewöhnliches Schaffen mehr als sechs Jahrzehnte nach. Als erste umfassende Retrospektive der Künstlerin in Österreich lädt sie dazu ein, eine außergewöhnliche Position der europäischen Nachkriegskunst zu entdecken. Gemälde, Zeichnungen, Assemblagen und Gedichte zeigen, wie konsequent Rosenstein ihre Bildsprache weiterentwickelte und dabei ihren zentralen Themen treu blieb – auch wenn aus ihrer Studienzeit in Wien leider keine Werke erhalten sind.
Heute wird Erna Rosenstein international zunehmend als eine der eigenständigsten Stimmen der europäischen Nachkriegskunst entdeckt. Ihre Werke verweben Vergangenheit und Gegenwart, Erinnerung und Imagination. Sie zeigen, dass Kunst Räume schaffen kann, in denen selbst das Unsagbare einen Ausdruck findet. Gerade darin liegt ihre anhaltende Aktualität.