Im Bild: Sandra Mujinga
Zwischen Nähe und Distanz
Wer den Ausstellungsraum im Belvedere 21 betritt, steht ihnen plötzlich gegenüber: 55 überlebensgroßen Figuren in gedämpftem Licht. In schwere grau-grüne Stoffe gehüllt wirken sie wie Gestalten aus einer anderen Zeit. Sie sind schwer zu fassen und könnten sowohl aus der Vergangenheit als auch aus der Zukunft kommen.
Lisa Ebner-Kollmann
Portrait: Chai Saeidi
Ausstellungsansicht: eSeL.at - Lorenz Seidler
Video: Kunst-Dokumentation.com, Manuel Carreon Lopez / Belvedere, Wien
Manche Besucher*innen empfinden diese Situation als überraschend ruhig, sie fühlen sich beinahe geborgen. Andere erleben sie als unheimlich oder sogar bedrohlich. Zwischen diesen Polen entfaltet sich eine Atmosphäre, die sich nicht eindeutig festlegen lässt.
Sandra Mujinga ist eine zeitgenössische Künstlerin, DJ und Musikerin, die genau mit solchen Momenten arbeitet. Sie wurde 1989 in Goma (Demokratische Republik Kongo) geboren; sie lebt und arbeitet in Oslo. International bekannt geworden ist sie vor allem mit ihren Installationen, in denen Skulpturen einen Raum besetzen.
Ihre Arbeiten kreisen hier um die Frage, wie Schwarze Körper sichtbar werden – und wer darüber entscheidet. Einen wesentlichen Teil von Mujingas Installationen stellen oft überlebensgroße, hybride Figuren dar. Sie sind gesichtslos und erinnern sowohl an menschliche als auch tierische Körper, entziehen sich jedoch einer klaren Zuordnung. Haut, beziehungsweise die Oberfläche der verwendeten Materialien, spielt dabei eine zentrale Rolle: Sie schützt, verbirgt und erzählt gleichzeitig eine (Lebens-)Geschichte. Immer wieder geht es um das Spannungsfeld zwischen Sichtbarkeit und Rückzug – darum präsent zu sein, aber sich auch entziehen zu können.
Dabei berühren ihre Arbeiten auch Fragestellungen, die in künstlerischen Ansätzen, wie dem Afrofuturismus, eine Rolle spielen – etwa im Umgang mit Zukunftsbildern, Identität und der Beobachtung Schwarzer Körper in der Gesellschaft.
Im Belvedere 21 lässt sich dieser Zugang direkt erleben. Die Ausstellung Skin to Skin, die in Kooperation mit dem Stedelijk Museum Amsterdam entstanden ist und dort erstmals gezeigt wurde, versammelt eine große Gruppe identischer Figuren, die den Raum füllen. Begleitet von einer eigens komponierten elektronischen Soundlandschaft und insgesamt sieben Spiegelobjekten bewegen sich Besucher*innen mitten durch diese Konstellation und werden selbst Teil der Situation.
Der Klang ist dabei mehr als Hintergrundgeräusch: Er setzt sich aus verschiedenen Tonspuren erst im Raum zusammen, hat eine eigene Dramaturgie und verändert sich je nach Position der Besucher*innen. So entsteht ein gemeinsames Erlebnis, das sich zugleich nie ganz eindeutig greifen lässt – das, ähnlich wie die Figuren selbst, zwischen Nähe und Distanz, zwischen Gemeinschaft und Isolation, changiert.
Mujingas Arbeiten berühren dabei Fragen, die weit über den Ausstellungsraum hinausgehen. Wer wird in unserer Gesellschaft gesehen – und wie? Welche Bilder von Körpern prägen unsere Wahrnehmung? Und welche Möglichkeiten gibt es, sich diesen Zuschreibungen bewusst zu entziehen? Ihre Kunst bietet keine einfachen Antworten, sondern macht diese Fragen im Raum körperlich erfahrbar.