Eine Audiotour, die den Blick verändert
Lisa Ebner-Kollmann
Belvedere, Wien
Katy Hessel
Die Belvedere-Sammlung lockt mit großen Namen der Kunstgeschichte: Klimt, Schiele, van Gogh, Monet, Cranach oder Waldmüller prägen unseren Blick auf die europäische Kunst und ihre unterschiedlichen Stilrichtungen. So unterschiedlich ihre Werke auch sind, sie haben eines gemeinsam – geschaffen wurden sie alle von Männern.
Doch was passiert, wenn man Kunstgeschichte einmal anders erzählt – bewusst ohne Männer? Mit der Audiotour Belvedere Without Men lädt das Belvedere dazu ein, die eigene Sammlung aus einer neuen Perspektive zu entdecken.
Die Tour ist Teil der internationalen Reihe Museums Without Men, initiiert von der Kunsthistorikerin, Kuratorin und Autorin Katy Hessel. Gemeinsam mit der Plattform Smartify entwickelt sie Audioformate für Museen weltweit. Sie rückt damit gezielt Werke von Künstlerinnen in den Fokus und stellt Fragen an den kunsthistorischen Kanon.
Im Belvedere führt diese alternative Erzählung durch bekannte Räume und eröffnet ungewohnte Blickwinkel. Im Mittelpunkt steht dabei die Frage, wer in der Kunstgeschichte sichtbar geworden ist und wer lange übersehen wurde. Die Auswahl der Werke – von Elena Luksch-Makowsky und Anna Maria Punz über Maria Lassnig und VALIE EXPORT – macht dabei nicht nur Künstlerinnen präsent, sondern regt auch dazu an, vertraute Arbeiten neu zu betrachten: Wie werden Frauen dargestellt? Wer blickt und wer wird betrachtet?
Die englischsprachige Tour ist über die Smartify-App abrufbar und lässt sich überall – auch direkt im Museum – nutzen, wodurch sie dazu einlädt, das Belvedere und seine Sammlung neu zu erleben und vielleicht auch anders zu sehen.
Formate wie diese Audiotour machen deutlich, dass Museen keine statischen Orte sind. Ihre Sammlungen bleiben dieselben, doch die Perspektiven, aus denen wir sie betrachten, verändern sich.
Auch im Jahr 2026 kämpfen Frauen weltweit noch um Gleichberechtigung, Gleichstellung und vor allem um die Selbstbestimmung über ihr eigenes Leben und ihren Körper. Umso wichtiger ist es, ihre Perspektiven sichtbar zu machen und ihren Stimmen Gehör zu verschaffen. Das Belvedere versteht sich als Ort, der marginalisierten Positionen und feministischen Blickwinkeln Raum gibt – und dazu einlädt, Kunstgeschichte neu zu betrachten und unsere Gegenwart kritisch zu hinterfragen.
Katy Hessel zählt zu den international stärksten feministischen Stimmen einer jüngeren Kunstgeschichte, die den Kanon erweitert und neu denkt. Mit ihrem Buch The Story of Art Without Men sowie ihrem Projekt The Great Women Artists setzt sie sich dafür ein, die Beiträge von Künstlerinnen stärker ins öffentliche Bewusstsein zu rücken – nicht als Ergänzung, sondern als integralen Bestandteil der Kunstgeschichte.
Die ausgewählten Werke sollen nicht nur einen neuen Zugang zur Sammlung des Belvedere ermöglichen, sondern auch inspirieren und zum Nachdenken anregen.
Katy Hessel