Verborgene Schätze
Ein Blick in die Depots des Belvedere
Seit den ersten Gründungen von Museen zählt das Bewahren der gesammelten Objekte zu deren Kernauftrag. Gefragt ist dafür weit mehr als sichere und wohltemperierte Räumlichkeiten. Ein Besuch in drei Depots des Belvedere gibt Einblick in ein komplexes Unterfangen, bei dem Fragen des Platzbedarfs, der Digitalisierung und vor allem auch viel Fingerspitzengefühl eine Rolle spielen.
Paula Pfoser
Ouriel Morgensztern
Johannes Stoll
Kunst auf gestampftem Lehmboden
Ein großes schmuck- und fensterloses Gebäude am Stadtrand von Wien. Industrieparks und Lagerhallen bestimmen das Bild, von außen verrät rein gar nichts, welche Schätze sich im Inneren des Kubus verbergen. In den Jahren 2021/22 hat das Belvedere hier sein größtes Depot bezogen, in einem einjährigen, komplexen Prozess haben an die 12.000 Objekte ein neues, hochmodernes und geräumiges Zuhause gefunden.
Er habe „allein keinen Zugang zum Depot“, der sei den sechs Kollegen aus dem Depotteam vorbehalten, erklärt der Leiter des Ausstellungsmanagements Stephan Pumberger, als wir mit dem großen Lastenlift in den dritten Stock fahren. Bei Kunstlagerung ist Sicherheit ein großes Thema, auch im neuen, gemieteten Gebäude, in dem das Belvedere zwei Stockwerke mit je 1.400 Quadratmetern Grundfläche bespielt. Nur ein Aspekt sei genannt: die Alarmanlage mit direktem Draht zur Polizei.
„Vielschichtig“ sei die Geschichte dieser Einlagerung, erzählt Pumberger, als er durch die Hallen führt, eine Anspielung auf die unterschiedlichen Stationen und die massiven Veränderungen, die das Kapitel Bewahren im Haus durchlaufen hat. Dass das Museum externe Depots nutzt, ist in der Institutionsgeschichte relativ neu. Bis in die 1990er-Jahre wurden vorrangig eigene Räumlichkeiten als Unterbringungsmöglichkeit zweckentfremdet.
Der Prunkstall im Unteren Belvedere, in dem heute Werke der Sammlung Mittelalter und Renaissance präsentiert werden, oder auch das Research Center und die Kurator*innenbüros, sie alle dienten zwischenzeitlich als Kunstlager.
Der Blick zurück zeigt auch, wie stark sich die Anforderungen geändert haben: In den 1980ern habe der als barockes Architekturjuwel geltende Prunkstall noch einen gestampften Lehmboden gehabt. Gerade einmal eine Alarmanlage sei eingebaut gewesen, „eine Klimatisierung, wie wir sie heute kennen, gab es nicht“, erklärt Pumberger.
Heute sei „de facto eine Nulllinie gezogen, was Temperaturschwankungen betrifft“, so Pumberger über die klimatischen Bedingungen, die ein Messgerät zwecks Kontrolle penibel aufzeichnet. Das Ideal sei Standard geworden, 20 Grad Celsius und um die 50 Prozent Luftfeuchtigkeit, „nicht zu feucht, damit sich kein Schimmel bildet, nicht zu trocken, damit Holzrahmen nicht springen“. Diese schon lange bekannten, früher nicht immer erreichten Ziele realisiert man im neuen Depot auch mit Blick auf den Klimaschutz. Auf dem Dach ist eine Photovoltaikanlage installiert, es gibt laufend Energieeffizienzprüfungen.
Platzbedarf als Dauerbrenner
Über mehr als 24.000 Kunstschätze verfügt das Belvedere heute, bis zu 97 Prozent davon schlummern in den Depots, bis sie für Ausstellungen herausgeholt werden.
Gesichert ist, dass die Sammlungen weiterwachsen, so steht es auch im gesetzlichen Auftrag. Das Thema Platzbedarf bleibt damit ein Dauerbrenner, auch wenn man durch den neuen Standort erst einmal aufatmen kann: Die moderne Gitterzuganlage im dritten Stock ist teils noch luftig mit Gemälden bestückt, ebenso wie die großen Schwerlastregale im zweiten Stock, in die Dreidimensionales eingeschlichtet ist. In einem Zehn-Jahres-Plan ist die weitere Nutzung schon vorausschauend abgeschätzt. Wobei Ankaufspolitik, Schenkungen oder zeitgenössische Kunst es schwer machen, genaue Vorhersagen zu treffen, gibt Werner Sommer, Leiter der Depotverwaltung, zu bedenken.
Gironcoli in der Spezialkiste
Gegenwartskunst sprenge im Gegensatz zur modernen Kunst weit öfter die Formate, so Sommer. Die VW-Käfer-Karosserie von Peter Weibels Readymade aus dem Jahr 2014 greift hier etwa Raum, auch die Großinstallation von Bruno Gironcoli Mütterliches Väterliches (1968–72), sie füllt einige kubikmetergroße Kisten. Im Depot bleiben viele Werke in ihren Behältnissen, die für den optimalen Transport eigens angefertigt werden. Diese halten das Klima über längere Zeit stabil, in Ausstellungen darf erst nach 24 Stunden ausgepackt werden, damit sich der wertvolle Inhalt langsam an die Umgebung gewöhnen kann. Pro Jahr gehen zirka 200 Leihgaben in die ganze Welt, dazu kommen zahlreiche Kooperationen mit heimischen Institutionen und etwa 15 hauseigene Sonderausstellungen: alles Projekte, die vom Team des Depots parallel betreut werden.
„Wenn Kunstwerke manipuliert werden, ist die Wahrscheinlichkeit am größten, dass ein Schaden entsteht.“
Werner Sommer
Lagerung als „dreidimensionales Puzzle“
Lagerbedingungen sind eine der zentralen Herausforderungen in der Depotarbeit, das digitale Ordnungssystem eine weitere. Auch hier gibt es Standards. Damit Objekte rasch gefunden werden, sind sie mit Nummern versehen. Die Inventarisierung und die Datenbank sind gerade deshalb so wichtig, weil im Depot allein der Platz – und nicht die thematische Sortierung – über die Zuordnung entscheidet. Ein „dreidimensionales Puzzle“ nennt Sommer die Hängung im Kunstdepot liebevoll, der zuständige Kollege habe versucht, „wirklich jeden Millimeter auszunutzen“.
Arthandling „besonders heikler Moment“
Im Depotalltag ganz wesentlich, betont Werner Sommer, ist das sprichwörtliche Fingerspitzengefühl. „Arthandling“ sei „ein besonders heikler Moment. Wenn Kunstwerke manipuliert werden, ist die Wahrscheinlichkeit am größten, dass ein Schaden entsteht.“ Wobei immer was passieren kann, „weil man keine Röntgenaugen hat und nicht weiß, was in der inneren Struktur des Werks los ist“, so der Experte.
Personalkonstanz sei daher wichtig und in seiner Abteilung zum Glück gegeben, so Sommer, der selbst seit 17 Jahren in der Sammlungsverwaltung arbeitet. Was es bei der Arbeit brauche? „Liebe zur Kunst und das Talent, vorsichtig und überlegt damit umzugehen.“ Ganz gleich ob es sich um millionenschwere Kunst handelt oder um eine hundertfach reproduzierte Grafik, man müsse „jedes Mal überlegen, wie man ein Werk am besten angreift“.
Wotruba-Depot offen für Interessierte
Neben dem Gebäude am Stadtrand nutzt das Belvedere noch weitere Standorte, etwa einen unterirdischen Speicher – aus Sicherheitsgründen werden keine Adressen genannt – und ein eigens für den Nachlass Fritz Wotruba geschaffenes Depot im Belvedere 21, in das man durch die verglaste Tür des vorgesetzten Studiensaals im Untergeschoss hineinlugen kann.
Vor drei Jahren wurde der Nachlass Wotruba vom Belvedere übernommen, darunter 500 Skulpturen und Plastiken, die auch hier, in der Depotsituation mit den schwarz-roten Stellagen, ein beeindruckendes Bild des Gesamtwerks abgeben. Einige großformatige Gipsfiguren hat Kuratorin Gabriele Stöger-Spevak eigens zusammensetzen lassen, denn die Sichtbarkeit von Werken sei ihr „ein großes Anliegen, auch für ein breites Publikum“, betont die Hüterin des Nachlasses – und verweist auf Führungen, etwa bei Belvedere-Veranstaltungen, und die Möglichkeit der persönlichen Terminvereinbarung: nicht nur für Fachleute oder Künstler*innen, sondern für alle Interessierten.
Weil hier Depot und Nachlass zusammenfallen, sind beim Bestand Wotruba klassische Depottätigkeiten und Forschung eng verzahnt: Neben der laufenden Feinerschließung von Wotrubas Werk ist aktuell eine Ausstellung zum 50. Todestag 2025 in Arbeit, die den Künstler im Kontext der internationalen Bildhauerei von 1945 bis 1975 zeigen wird. Fritz Wotruba sei, entgegen der Rezeption als rein österreichischer Künstler, bestens vernetzt gewesen, „die Internationalität wollen wir ihm wiedergeben“.
Artothek im Tiefgeschoss des Belvedere 21
Dass die „chaotische Lagerhaltung“, wie das System im Fachjargon wenig schmeichelhaft heißt, die zweckmäßigste ist, wissen auch Claudia Baumann und ihr Team. Sie betreuen eine weitere Kunstlagerstätte, die unter der Ägide des Belvedere steht. Der riesige Bestand der Artothek des Bundes wurde 2012 zur administrativen Verwaltung übernommen: mehr als 38.000 Kunstwerke, die ab 1948 mittels Kunstförderungsankauf erworben wurden, darunter beispielsweise Schätze aus dem Frühwerk von Maria Lassnig oder Kiki Kogelnik.
Dafür wurde der eigens umgebaute Tiefspeicher unter dem Belvedere 21 bezogen. Beste Lagerbedingungen, mit einem Wermutstropfen für das Team: Gearbeitet wird den ganzen Tag bei künstlichem Licht. Dabei helfen Tageslichtlampen, eigentlich angeschafft für die Restaurierung, die hier eine entscheidende Rolle spielt. In der Artothek können alle nicht gewinnorientierten Bundesinstitutionen – Universitäten, Ministerialbüros, Botschaften und viele mehr – Kunst auf Zeit ausborgen. Schäden an retournierten Werken werden gleich dokumentiert und je nach Ausmaß intern oder extern restauriert. Mit Dellen und Rahmenkratzern müsse man immer wieder rechnen, „wir verleihen eben nicht im musealen Kontext“, so Baumann. Bei Gangausstattungen sei man dazu übergegangen, nur Verglastes zu verleihen, „damit man nicht mit Taschen und Aktenordnern“ gegen Bilder schrammt.
Ein wichtiger Teil der Arbeit gilt der neu angekauften Kunst, bei der Artothek aus der Produktion zeitgenössischer Künstler*innen mit Lebensmittelpunkt in Österreich. Um dem Erhaltungsauftrag der denkmalgeschützten Sammlung gerecht zu werden, dokumentieren die Restauratorinnen unter anderem die verwendeten Materialien. Gegenwartskunst sei diffizil, weil so viele Werkstoffe im Spiel seien, erklärt Baumann vor einem Großformat der österreichisch-schwedischen Künstlerin Elisabeth Kihlström, das aus Silberfäden gefertigt ist. Diese Fäden werden mit der Zeit oxidieren – Kihlström will das so, und dieser Hinweis wird dann notiert.
Artikel erstmalig erschienen im "Belvedere Kunstmagazin" Nr. 2-2024.