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Ein Denkmal und seine Menschen

Über Gastarbeit, Erinnerung und die Frage nach Sichtbarkeit

Perspektiven
16.04.2026
2 Min. lesen

Denn ein Denkmal ist immer auch die Summe dessen, was an in Bronze gegossenem oder in Stein gehauenem Wissen an die unmittelbare Umgebung abgegeben wird.

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Leonhard Pill / Zsolna

Genau ein Jahr ist die Donau hinuntergeflossen, seitdem das zum x-ten Mal angekündigte Gastarbeiter*innen-Denkmal für Wien abermals angekündigt wurde, ohne dass danach Nennenswertes passiert wäre. Im April 2023 konnte Savo Ristić, Sohn von aus dem ehemaligen Jugoslawien stammenden Gastarbeiter*innen und Initiator des Vorhabens, mit dem Helmut-Zilk-Park zumindest einen Ort nennen, an dem das wichtige Denkmal einmal stehen soll. Wichtig deshalb, weil nach Jahrzehnten der relativen Unsichtbarkeit die Leistung der Menschen, die mithalfen, das kriegsgebeutelte Österreich zu einem der reichsten demokratischen Länder der Welt aufzubauen, endlich eine angemessene Würdigung erhalten soll – eine Leistung, wohlgemerkt, die auch nach der dritten Generation anhält. 

Dabei war die Beziehung zwischen den eben erst Angekommenen und den Hiesigen von Anfang an von Spannungen geprägt: Die strikte Trennung der einheimischen Bevölkerung von den arbeitenden „Gästen“ war nicht nur erwünscht, sondern wurde von den Arbeitgeber*innen gefördert, indem man unwirtliche Quartiere bereitstellte, die eine schnelle Abreise suggerierten. Zudem wurde den Gastarbeiter*innen der Zugang zu Sprachkursen erschwert, was zur Folge hatte, dass sich die aus der Türkei oder dem ehemaligen Jugoslawien stammenden Menschen in ihrer neuen Umgebung, aber auch untereinander schwer verständlich machen konnten. Eine über Generationen gehende Einkapselung war die Folge dieser Politik, und die ob der verabsäumten Integration verlorenen Jahre dienen manchen Parteien bis heute zur Polarisierung und Hetze gegen vermeintliche Parallelgesellschaften, an deren Etablierung man selbst eifrig mitgewirkt hatte (ganz zu schweigen von der Tatsache, dass sich die erste Generation der Gastarbeiter*innen ausgerechnet mit jenen konfrontiert sah, die keine 20 Jahre davor die Shoah verbrochen hatten). 

Aber ist die Lage heute eine bessere? Meines Erachtens gehört diese Frage so lange hintangestellt, bis im Einwanderungsland Österreich mit sogenannten „Ausländer*innen“ keine Politik mehr zu machen ist. Die gute Absicht und das bloße Reden darüber helfen der Sache nicht, wenn wieder einmal – und zwar in ganz Europa – (neo-)faschistische Parteien an die Macht gelangen und die Leistungen jener Menschen, die sie einst in ihre Länder holten, so weit schmälern, dass sie Gefahr laufen, vergessen zu werden. 

Sicherlich wird ein Gastarbeiter*innen-Denkmal in Wien das Drohende nicht abwenden können. Denn ein Denkmal ist immer auch die Summe dessen, was an in Bronze gegossenem oder in Stein gehauenem Wissen an die unmittelbare Umgebung abgegeben wird. Gerade deshalb sollte der in Nähe des ehemaligen Südbahnhofs gewählte Ort den hier beheimateten Menschen, Unternehmen und Institutionen (etwa dem Belvedere, der Erste Bank, den ÖBB oder dem Paul Zsolnay Verlag) Anlass sein, sich aktiv für die Errichtung dieses Denkmals einzusetzen: um der ewigen Polarisierung das denkmalgewordene Wissen derer entgegenzustellen, die mit ihren Körpern – mit ihren Händen und Füßen und Köpfen – kamen, um das Land aufzubauen, das ihres werden sollte.

 

 

 

 

Artikel erstmalig erschienen im "Belvedere Kunstmagazin" Nr. 1-2024.