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Wie Tastmodelle die Kunsterfahrung erweitern

Ausstellung
Sammlung
16.04.2026
3 Min. lesen
Foto: belle & sass / Belvedere, Wien

Ein Museum mit allen: Mit einer Taststation zu Franz Xaver Messerschmidts Schnabelkopf erweitert das Belvedere sein Angebot für einen inklusiven Kunstgenuss. Die Expertin für Barrierefreiheit Susanne Buchner-Sabathy hat es ausprobiert. Klar wird: Auch für sehende Besucher*innen ist das ein Gewinn.

Text

Paula Pfoser

Photos

belle & sass

Foto: belle & sass / Belvedere, Wien

Ist das ein barockes „Duckface“ – oder was ist das für ein Gesichtsausdruck? Messerschmidts Zweiter Schnabelkopf (1777–81) zeigt aufs Äußerste gespannte Gesichtszüge, Nase, Mund und Kinn sind intensiv nach vorn geschoben zu einer Art menschlichem Schnabel. „So etwas Zitronenmäßiges“, meint Susanne Buchner-Sabathy, als sie das Modell des Schädels mit ihren Händen abtastet.

Wut, Genuss oder Provokation, seit jeher animieren die „Charakterköpfe“, die der deutsch-österreichische Bildhauer vor 250 Jahren modelliert hat Museumsbesucher*innen dazu, es ihnen grimassierend gleichzutun. Man will schließlich nachvollziehen, wie sich die Fratzen im eigenen Gesicht anfühlen. Möglich ist das nun auch für Sehbeeinträchtigte und blinde Besucher*innen, die sich mit einer neuen Taststation dem rätselhaft-faszinierenden Schnabelkopf annähern können.

„In der Museumsarbeit ist das Belvedere eine Pionierin der Inklusion“

Susanne Buchner-Sabathy

Pionierrolle in der musealen Inklusion

 

Pionierrolle in der musealen Inklusion 

 

„In der Museumsarbeit ist das Belvedere eine Pionierin der Inklusion“, meint Buchner-Sabathy, und sie weiß es aus eigener Erfahrung. Die wissenschaftliche Übersetzerin arbeitet auch als Barrierefreiheit-Beraterin. Als Kind hatte Buchner-Sabathy eine schwere Sehbehinderung, seit ihrem 40. Lebensjahr ist sie blind und gibt ihre an der eigenen Erfahrung geschulte Expertise nun an Museen weiter. Für das Belvedere war sie für ein Jahr in der „Fokusgruppe“ tätig, einem Beirat, der unter anderem dafür bürgte, dass Inklusion am Haus grundlegend ernst genommen wird. Statt eines bevormundenden „Freut euch doch, dass wir etwas für euch machen!“ sind Menschen mit Beeinträchtigungen von Anfang an in die inklusive Museumsarbeit involviert – und das ist im Belvedere kein Ehrenamt, sondern bezahlte Expert*innenarbeit. Schließlich weiß niemand besser als sie, was sie für den Kunstgenuss brauchen.

 

Foto: belle & sass / Belvedere, Wien

Taktile Überraschungen

Foto: belle & sass / Belvedere, Wien

 

 

Taktile Überraschungen 

 

Beim Schnabelkopf ertastet Buchner-Sabathy zuerst die Brailleschrift, die die wichtigsten Informationen zusammenfasst, bevor ihre Hände das Modell befühlen. Der 1:1-Abguss ist bis in die feinsten Details ausgearbeitet, die markanten Ohren, der Schädel mit den Eindellungen, Mund, Nase, Augen, die auf kleinsten Raum zusammengezogen sind. „Messerschmidt war mir natürlich ein Begriff“, sagt Buchner-Sabathy, es sei aber „doch überraschend, wie prägnant er seine bildhauerischen Mittel einsetzt“. Das taktile Erlebnis ist aber auch für Sehende lohnend: Erst beim Ertasten fällt auf, dass Messerschmidt sein Modell unterhalb des Kinns stark ausgehöhlt hat. Die Schnabelform steckt also schon im Halsansatz drinnen. 

Neben Messerschmidts Kopf gibt es mittlerweile vier der hochwertigen Taststationen im Haus: Den Anfang machte 2016 Gustav Klimts berühmtes Gemälde Der Kuss (Liebespaar) von 1908/09, es folgten Egon Schieles Kauerndes Menschenpaar (Die Familie), 1918 und Sündenfall des Meisters I. P. aus dem Mittelalter. Alle Vermittlungsdisplays wurden individuell gestaltet und zum 300-Jahr-Jubiläum des Belvedere überarbeitet. Beim Kuss sind etwa das Wiesenstück, das Paar und die Gloriole in Form von unterschiedlichen Texturen ausgestaltet, mit körniger oder gerillter Oberflächenstruktur, ergänzt um Informationen in Brailleschrift und eine Legende, die Details wie „runde Formen auf der Kleidung der Frau“ näher erschließt.

Herzstück inklusive Führungen

Inklusive Vermittlung

 

Das Herzstück der inklusiven Museumsarbeit bilden aber geführte Touren, die schon ab einer Person buchbar sind. Zudem bietet das Belvedere monatlich ein fixes Paket inklusiver Rundgänge an, mit verschiedenen Themen in einfacher Sprache, mit teilhabeorientierten Rundgängen für Menschen mit Demenz oder Vergesslichkeit, mit Übersetzung in Österreichische Gebärdensprache und mit multisensorischen Führungen für sehbeeinträchtigte, blinde und sehende Personen. 

Kunstvermittlerin Julia Haimburger, die sich als Diversitätsbeauftragte des Belvedere für die Zugänglichkeit engagiert, legt Wert darauf, dass bei allen Rundgängen Menschen mit und ohne Behinderungen gleichermaßen eingeladen sind. „Dabei achten wir natürlich darauf, dass wir Voraussetzungen schaffen, die einen gleichberechtigten Museumsbesuch ermöglichen“, so Haimburger. Sie nennt Bildbeschreibungen, dialogische Kommunikation oder Pläne zur räumlichen Orientierung als zentrale Ansätze.

Nicht die eine Wahrheit

Foto: belle & sass / Belvedere, Wien

 

Nicht die eine Wahrheit 

 

„Aber sehen Sie das Bild jetzt wirklich?“ Diese Frage wird schon einmal von einer sehenden an eine blinde Person gestellt, nachdem ein Bild beim Rundgang besprochen worden ist. Am Ende würden aber alle wissen: Es gibt nicht ein wirkliches Bild, nicht eine Wahrheit – „das ist immer eine Frage der persönlichen Wahrnehmung“, meint Buchner-Sabathy. Kunst sei „immer Begegnung“. Das gilt übrigens auch für Messerschmidts rätselhaften Schnabelkopf, ergänzt Haimburger: Wo Buchner-Sabathy ein „Zitronengesicht“ sieht, erkennt ein*e andere*r Bitterkeit. Und ein*e dritte*r vielleicht Belustigung.

 

 

 

Artikel erstmalig erschienen im "Belvedere Kunstmagazin" Nr. 3-2023.

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