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Wer war Egon Schiele?

Wer? Was? Warum?

Künstler*innen
Sammlung
30.06.2026
6 Min. lesen

Kaum ein Künstler der Wiener Moderne polarisiert bis heute so sehr wie Egon Schiele. Seine kantigen Figuren, eindringlichen Selbstbildnisse und schonungslosen Darstellungen des menschlichen Körpers faszinieren ebenso, wie sie irritieren. Schieles Kunst zeigt den Menschen dabei unmittelbar, verletzlich und zugleich kompromisslos. 

 

Doch wer war Egon Schiele eigentlich?

 

 

Text

Lisa Ebner-Kollmann

Fotos

Belvedere, Wien

5 Fakten über Egon Schiele

Kauerndes Menschenpaar (Die Familie) (1918)
© Belvedere, Wien

 

Obwohl er nur 28 Jahre alt wurde, schuf Schiele ein Werk, das die Kunst des 20. Jahrhunderts nachhaltig prägte. Beeinflusst von Gustav Klimt und der Wiener Secession entwickelte er schon früh eine unverwechselbare Bildsprache, die sich bewusst von den Schönheitsidealen seiner Zeit löste. Seine Bilder erzählen weniger von der äußeren Erscheinung eines Menschen als von dessen innerer Verfassung.

 

 

5 Fakten über Egon Schiele

 

  • Egon Schiele (1890–1918) war ein österreichischer Künstler und einer der bedeutendsten Vertreter*innen der Wiener Moderne.
     

  • Er schuf mehr als 200 Selbstbildnisse sowie rund 300 Gemälde und mehrere tausend Zeichnungen und Aquarelle.
     

  • Seine Kunst gilt als Schlüsselwerk des österreichischen Expressionismus.
     

  • Schiele starb mit nur 28 Jahren an der sogenannten Spanischen Grippe – wenige Tage nach seiner schwangeren Frau Edith.
     

  • Das Belvedere besitzt 14 Gemälde sowie einige Arbeiten auf Papier und war das erste Museum in Österreich, das bereits zu Schieles Lebzeiten eines seiner Gemälde erwarb.

 

Wie wurde Egon Schiele Künstler?

Wie wurde Egon Schiele Künstler?
 

Egon Schiele wurde 1890 in Tulln geboren. Bereits mit 16 Jahren wurde er als jüngster Student seines Jahrgangs an der Akademie der bildenden Künste Wien aufgenommen. Dort erhielt er zunächst eine klassische Ausbildung, empfand den Unterricht jedoch zunehmend als einengend.

 

Ein prägendes Erlebnis seiner Jugend war der frühe Tod seines Vaters. Dieser starb nach langer Krankheit, als Schiele erst vierzehn Jahre alt war. Der Verlust, die wirtschaftlich schwierige Situation der Familie und die unmittelbare Erfahrung von Krankheit und Vergänglichkeit hinterließen tiefe Spuren. Diese prägenden Themen sollten später immer wieder in seiner Kunst auftauchen.


Eine wichtige Rolle in Egon Schieles Leben spielte auch Gustav Klimt, dessen Schaffen das Werk Schieles zu Beginn seiner Karriere maßgeblich beeinflusst. 

Klimt selbst vermittelte Schiele Kontakte zu Sammler*innen und Ausstellungen und öffnete ihm den Weg in die Wiener Avantgarde. Dennoch löste sich Schiele rasch von seinem Vorbild. Gemeinsam mit anderen jungen Künstler*innen gründete er 1909 die Neukunstgruppe und entwickelte innerhalb weniger Jahre einen völlig eigenständigen Stil.


1912 geriet Schiele im Zusammenhang mit der sogenannten Neulengbach-Affäre für mehrere Wochen in Untersuchungshaft. Die schwersten Vorwürfe, jene der „Entführung“ und „Schändung“, wurden fallengelassen; verurteilt wurde er schließlich, weil Aktzeichnungen in seinem Atelier für Minderjährige frei zugänglich gewesen waren. Die Quellenlage hierzu ist lückenhaft und beruht stark auf der damaligen Medienberichterstattung. Sicher ist jedoch, dass die Ereignisse seinen Ruf nachhaltig beschädigten und zugleich sein Image als provokanter Künstler verstärkten.

Was macht Egon Schieles Kunst so besonders?

Was macht Egon Schieles Kunst so besonders?
 

Während viele Künstler seiner Zeit Schönheit und Harmonie suchten, interessierte sich Schiele für den Menschen in all seiner Verletzlichkeit. Seine Figuren wirken oft ausgemergelt, ihre Körper kantig und angespannt, ihre Gesten ungewöhnlich und ausdrucksstark. Häufig stehen sie vor einem nahezu leeren Hintergrund, ohne erzählerisches Beiwerk oder räumliche Verortung.

Gerade dadurch richtet sich der Blick ganz auf den Menschen. Schieles Porträts wirken häufig wie Psychogramme: Sie zeigen nicht nur das Aussehen einer Person, sondern vermitteln auch Stimmungen, Konflikte und emotionale Spannungen. Besonders seine charakteristischen Hände und Gesten werden zu einem wichtigen Ausdrucksmittel. Diese können Nähe, Unsicherheit oder Anspannung vermitteln und prägen die Bildwirkung oft ebenso stark wie die Gesichter selbst.

Eduard Kosmack (1910)
© Belvedere, Wien

 

Mit Mimik, Gestik, ungewöhnlichen Posen und einer bewussten Fragmentierung des Körpers erforschte er Fragen nach Identität, Wahrnehmung und menschlicher Existenz.

Warum malte Schiele so viele Selbstbildnisse?

Warum malte Schiele so viele Selbstbildnisse?


Mehr als 200 Selbstbildnisse entstanden innerhalb weniger Jahre – ein außergewöhnlicher Umfang. Dabei ging es Schiele jedoch nicht um Selbstdarstellung im heutigen Sinn – wie wir sie vielleicht aus den sozialen Medien kennen. Vielmehr nutzte er den eigenen Körper als Experimentierfeld. Mit Mimik, Gestik, ungewöhnlichen Posen und einer bewussten Fragmentierung des Körpers erforschte er Fragen nach Identität, Wahrnehmung und menschlicher Existenz. Seine Selbstbildnisse spiegeln damit auch die intensive Auseinandersetzung der Wiener Moderne mit Psyche, Körper und Individualität wider.
 

Tod und Mädchen (1915)
© Belvedere, Wien

Warum wirken Schieles Bilder oft so melancholisch?

Warum wirken Schieles Bilder oft so melancholisch?


Viele von Schieles Werken kreisen um Vergänglichkeit, Einsamkeit und menschliche Beziehungen. Diese Themen prägen nicht nur seine Figurenbilder, sondern auch Landschaften und Stadtansichten.


 
 

Mutter mit zwei Kindern III (1915 - 1917)
© Belvedere, Wien

 

Dabei spiegeln viele Bilder persönliche Erfahrungen wider. In Werken wie Tod und Mädchen (1915) verarbeitete Schiele die Trennung von seiner langjährigen Lebensgefährtin und Muse Wally Neuzil ebenso wie die Unsicherheiten einer Zeit, die vom Ersten Weltkrieg geprägt war. Obwohl sich Schiele 1915 entschied, Edith Harms zu heiraten, fiel ihm die Trennung von Wally schwer. Das Gemälde gilt heute als eine Darstellung des Abschieds des Künstlers von dieser Beziehung.


Das Gemälde Mutter mit zwei Kindern III (1915-17) verbindet Leben und Tod ebenfalls auf eindringliche Weise. Kunsthistoriker*innen sehen darin unter anderem eine Verarbeitung jener Erfahrungen, die Schiele seit dem frühen Tod seines Vaters begleiteten. Dessen langjährige Syphiliserkrankung und die damaligen Vorstellungen von Krankheit, Sexualität und Schuld prägten Schieles Bildwelt. Weiblichkeit erscheint in manchen Werken zugleich als Sinnbild für Leben und Fruchtbarkeit, aber auch für Vergänglichkeit und Tod. 

Krankheit, Sterblichkeit und familiäre Verluste gehören zu den Themen, die sich wie ein roter Faden durch sein Werk ziehen.

Auch seine Landschaften erzählen von dieser Stimmung. Menschenleere Straßen, verwitterte Häuser oder welkende Pflanzen erscheinen nicht als naturgetreue Ansichten, sondern als Sinnbilder für Werden und Vergehen. In Sonnenblumen (1911), ebenfalls einem Werk der Belvedere-Sammlung, stehen die Pflanzen nicht in voller Blüte, sondern kurz vor ihrem Verwelken – ein Motiv, das Schiele immer wieder beschäftigte.

Warum fasziniert Egon Schiele bis heute?

Warum fasziniert Egon Schiele bis heute?


Schiele war weit mehr als ein außergewöhnlicher Zeichner oder Maler. Er war Teil einer Generation von Künstler*innen, die den traditionellen Kunstbegriff grundlegend erneuerten. Seine Werke zeigen den Menschen nicht idealisiert, sondern verletzlich, widersprüchlich und existenziell.

Dass Schiele heute als einer der bedeutendsten Vertreter des österreichischen Expressionismus gilt, liegt nicht zuletzt an dieser kompromisslosen,  schonungslosen Selbstanalyse. Seine Bilder wirken heute überraschend modern, weil sie Fragen stellen, die nichts an Aktualität verloren haben: Wer sind wir? Wie sehen wir uns selbst? Und wie lassen sich Gefühle sichtbar machen?


Nur wenige Monate vor seinem Tod entstand das Bildnis der Frau des Künstlers, Edith Schiele. Wenige Tage, nachdem Edith – im sechsten Monat schwanger – an der Spanischen Grippe gestorben war, erlag auch Egon Schiele der Krankheit.


 

Bildnis der Frau des Künstlers, Edith Schiele (1918)
© Belvedere, Wien
Sonnenblumen (1911)
© Belvedere, Wien

 

 


Das Belvedere begleitet Schieles Werk seit mehr als hundert Jahren. Bereits 1918 erwarb die damalige Österreichische Staatsgalerie als erstes Museum in Österreich eines seiner Gemälde – das Bildnis der Frau des Künstlers, Edith Schiele (1918). Heute zählt die Sammlung mit 14 Gemälden und einer Reihe von Arbeiten auf Papier zu den wichtigsten öffentlichen Schiele-Beständen Österreichs und ermöglicht einen eindrucksvollen Einblick in das kurze, aber außergewöhnlich einflussreiche Schaffen des Künstlers.

 

 

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