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Barock und Bodenhaftung

Georg Lechner über Neugier, genaues Hinsehen und die Arbeit am Objekt

Ausstellung
Sammlung
16.04.2026
4 Min. lesen
Fotos: David Payr / Belvedere, Wien

Wenn Georg Lechner von Kunst erzählt, dann spricht zuweilen sein ganzer Körper. Der Barockspezialist des Belvedere taucht gern in Archive ab und fördert dort neue Erkenntnisse zutage – zum Beispiel über den Meister Franz Anton Maulbertsch. Begegnung mit einem Enthusiasten.

Text

Nina Schedlmayer

Photos

David Payr
Johannes Stoll

Georg Lechner zieht das Kinn nach unten, schiebt die Unterlippe vor und setzt die Augen auf Halbmast. Die Arme lässt er lose herabbaumeln, den Bauch streckt er heraus. 

So steht er in der Dauerausstellung des Hauses, dort, wo die Barocksammlung zu sehen ist. Der Kunsthistoriker und Belvedere-Kurator ist im Moment nicht ganz er selbst, sondern ein bisschen auch der Jesus im Gemälde Christus und der Hauptmann von Kapernaum (um 1750/55) von Franz Anton Maulbertsch. Ein spontanes Tableau vivant, mit dem er nachdrücklich untermalt, was er zu sagen hat. Keinen idealisierten Jesus habe der Künstler dargestellt, sondern eine Karikatur von ungepflegter Erscheinung und mit einem „fast debilen Gesicht“, wie er es frank und frei ausdrückt. Das unterscheide den Meister von Zeitgenossen wie Johann Michael Rottmayr: diese Bodenhaftung. 

Als Spezialist ist Lechner verantwortlich für die Barocksammlung mit Werken von Maulbertsch, Paul Troger, Rottmayr, Johann Kupetzky, Martin van Meytens, Franz Xaver Messerschmidt, Anna Maria Punz und vielen, vielen ihrer Zeitgenoss*innen – und darüber hinaus für das „Objekt Nummer eins“, wie er sagt: den Baukomplex selbst. Anfragen aller Art zum Oberen und Unteren Belvedere, zu dessen Entstehung, Ausstattung und Nutzung sowie zum weitläufigen Gärten gehen automatisch an ihn – egal ob es sich um Filmdrehs handelt oder um besonders knifflige Forschungsangelegenheiten. Kürzlich erkundigte sich jemand, wo Kurt Schuschnigg, der letzte Bundeskanzler des austrofaschistischen Ständestaats, „gewohnt“ habe, erzählt er: „Wir wissen, dass er während des Nationalsozialismus im Belvedere interniert war, aber im Detail konnte ich die Frage nicht beantworten.“ Derlei Dinge nehmen viel Zeit in Anspruch, doch das ist für den Geisteswissenschaftler kein Grund zur Klage, im Gegenteil: „Wir lernen so viel!“

International ist das Belvedere vor allem für seine Klimts und Schieles berühmt. Würde man meinen. Doch gerade das ausländische Publikum kommt laut Lechner nicht nur wegen der Sammlung, „sondern auch wegen der Hülle“. Und wegen der berühmten „Charakterköpfe“ von Franz Xaver Messerschmidt. „Die sind Selbstläufer!“ Menschen reisen von weither an, um die verzerrten Gesichter zu sehen, mit denen der barocke Bildhauer Gemüts- und Geisteszustände ins Expressiv-Karikierende übersetzte. Das Publikum erwarte auch, berichtet Lechner, dem Prinzen Eugen in einem Bildnis zu begegnen. Als Bauherr des Belvedere, bedeutender Sammler und Mäzen wirbt der Feldherr und Diplomat der Habsburgermonarchie heute auf Plakaten für den Besuch des Museums. 

Franz Anton Maulbertsch, Glorifikation Kaiser Josephs II., vor 1777
Foto: Belvedere, Wien

Und welches Highlight der Barocksammlung würde mehr Aufmerksamkeit verdienen? Georg Lechner deutet auf das Selbstporträt an der Staffelei von Johann Kupetzky, 1709 entstanden. Der Künstler präsentiert sich hier mit Malutensilien, als wäre er gerade mitten in der Arbeit unterbrochen worden. „Mich fasziniert an dem Bild das völlig Spontane: Als habe gerade jemand die Tür aufgemacht, und der Maler blickt ihn an – ohne dass es gestellt wirkt!“

Dass Lechner sich auf alte Kunst spezialisieren würde, zeichnete sich schon während seines Studiums an der Universität Wien ab. Zunächst jedoch lag sein Schwerpunkt auf Spätgotik und Renaissance; 2005 gab er seine Diplomarbeit über ein Werk von Lucas Cranach d. Ä. ab. Doch auch die Barockzeit reizte ihn. Noch heute schwärmt er von Vorlesungen über die Barockarchitekten Johann Bernhard Fischer von Erlach und Johann Lucas von Hildebrandt, die der Kunstgeschichteprofessor Hellmut Lorenz hielt. „Er gab uns den Sinn für das Gesamtheitliche mit“, erinnert sich Lechner – keine schlechte Voraussetzung für sein aktuelles Portfolio an Zuständigkeiten. Seine Dissertation schrieb er über den Barockmaler Franz Carl Remp (1675–1718); dafür erhielt er 2007 als Erster den von der Österreichischen Akademie der Wissenschaft verliehenen Bader-Preis. Diverse Praktika und Volontariate im Kunsthistorischen Museum Wien sowie im Österreichischen Staatsarchiv gingen seinem Engagement am Belvedere voraus, wo er seit 2009 beschäftigt ist.

„Je älter die Kunst ist, desto schwieriger wird es, sich in die entsprechende Zeit zu versetzen.“

Georg Lechner

 

Franz Anton Maulbertsch, Frühes Selbstbildnis, um 1750
Belvedere, Wien, Leihgabe aus Privatbesitz, Foto: Belvedere, Wien

 

Seine Expertise hat sich der Kurator im Laufe der Jahre angeeignet, durch intensive Archivforschungen, Gespräche mit Sammler*innen, bibliografische Studien und vor allem durch: Schauen, Schauen, Schauen. „Je älter die Kunst ist, desto schwieriger wird es, sich in die entsprechende Zeit zu versetzen“, sagt Lechner. „Ich wünsche mir manchmal Stimmen aus der Vergangenheit.“ Einen Künstler müsse man sich regelrecht erarbeiten. Die Digitalisierung erleichtere einiges. Viel Archivmaterial ist längst online zugänglich. Fast täglich „hänge“ er im Wienerischen Diarium (dem Vorläufer der Wiener Zeitung), im Lehmann (einem Adressverzeichnis, das weit in die Vergangenheit reicht), im Friedhofsverzeichnis und in digitalisierten Totenbüchern. Zudem lässt er sich im Archiv Hausakten ausheben. „Es lohnt sich immer, altes Papier anzuschauen.“

Der Kunsthistoriker Otto Pächt, einer der Säulenheiligen des Wiener Kunstgeschichte-Instituts, meinte einst, man müsse sich die fremden Sehgewohnheiten früherer Zeiten aneignen, um alter Kunst nahezukommen. Das gehe über eine „Denkoperation“ hinaus und sei eine „spezifische Umbildung oder Anpassung unserer sinnlichen Wahrnehmung“, wie er schrieb. Das Erfassen eines Kunstwerks hänge „von dem Gelingen eines Reifeprozesses unserer Wahrnehmungsorgane ab“. Bei Georg Lechner dürfte dieser schon weit fortgeschritten sein.

 

 

 

 

 

Artikel erstmalig erschienen im "Belvedere Kunstmagazin"  Nr.1-2024.

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