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Schöne Aussichten

Vom Belvedere zum „Bella Vista“. Über den Blick und seine Bedeutung

Einblicke
16.04.2026
3 Min. lesen

Belvedere, Bellevue, Bella Vista: Das Bedürfnis nach freiem Ausblick hat einen Namen. Mit diesem assoziiert man auch Prestige, vom Palais bis zur Punkband.

Text

Michael Freund

Schlösser, Palais oder Landhäuser mit schöner Aussicht gehörten im Barock zu den Prestigeobjekten wohlhabender Schichten, sie waren die Luxusjachten des 18. Jahrhunderts. Es war nur folgerichtig, dass Prinz Eugen von Savoyen den 1697 erworbenen sanft ansteigenden Weinberg südlich von Wien mit einem Bau krönen ließ, von dem er einen Blick auf das ganze damalige Wien genießen konnte, bis hin nach Grinzing und zum Kahlenberg, wirklich ein bel vedere; einige Jahrzehnte später sollte der Maler Canaletto das Panorama verewigen.

 Es war allerdings nicht das einzige so benannte Bauwerk in der Umgebung Wiens. Fischer von Erlach hatte bereits 1688 am nordwestlichen Rand der Stadt ein Gartenpalais für den Fürsten Liechtenstein geplant. Um 1720 dürfte es, leicht verändert, fertig geworden sein. Durch einen großen Torbogen bot es einen Blick auf den Wienerwald, der Kahlenberg lag von hier aus um einiges näher. 1873 jedoch ließen die Liechtensteins ihr altersschwaches Lustgebäude schleifen und an dessen Stelle einen der Ringstraßenzeit entsprechenden Nutzbau errichten: Man benötigte offensichtlich einen Bauplatz für ein Gebäude, das Wohnraum für Familienmitglieder bot.

Tina Blau, Aus dem Belvedere, 1894/1895
Legat Peter Parzer, Wien

Original italienisch, weltweit in Mode

Original italienisch, weltweit in Mode

 

Die nicht zufällig italienische Bezeichnung Belvedere hat alte Wurzeln. Bereits im 15. Jahrhundert ließen etwa die Medici bei Florenz und die Päpste bei Rom Gebäude errichten, deren Obergeschosse, Dachhallen oder Veranden hauptsächlich dazu da waren, dass die Besitzer*innen und ihre Gäst*innen die Natur wie vom Oberdeck aus mit Herrschaftsblick genießen konnten. Das Bedürfnis nach einem freien Ausblick war auch damals nicht neu, doch nun hatte es einen Namen, der sich in ganz Europa ausbreitete.

So entstand in den deutschen Landen ein Belvedere nach dem anderen, vom württembergischen Badenweiler bis zum Neubrandenburger Tollensesee, an dessen Rand das entsprechende Gebäude mit Blick aufs Wasser an einen griechischen Tempel erinnern soll. Die Anlage in Weimar, so alt wie das Wiener Pendant des Prinzen Eugen, ist ebenso wie dieses ein UNESCO-Weltkulturerbe. In Potsdam stehen zwei: das unter Friedrich II. erbaute Belvedere auf dem Klausberg und das Jahrzehnte später im Neorenaissance-Stil gestaltete Schloss auf dem Pfingstberg.

Torre Belvedere ist, zumindest laut Wikipedia, das einzige Bauwerk dieses Namens in der Schweiz, ein steinernes Aussichtstürmchen über dem graubündischen Maloja mit einem schönen Blick auf das Oberengadin und den Silser See.

„Das Bedürfnis nach einem freien Ausblick war auch damals nicht neu.“

Michael Freund

Gerhart Frankl, Blick vom Belvedere auf Wien (Landschaft I)
Foto: Johannes Stoll © Belvedere, Wien

 

In Frankreich mutierte Belvedere zu Bellevue. Die Bezeichnung wurde von hier erfolgreich exportiert, in Berlin heißt der Sitz des Bundespräsidenten so, und auch in Wien gab es ab den 1850er-Jahren ein schlossartiges Anwesen dieses Namens, über der Stadt im Wienerwald, très belle vue!, um 1900 Hotel, Kuranstalt, beliebte Sommerfrische und Treffpunkt von Wiener Intellektuellen und Künstler*innen. Sigmund Freud träumte hier seinen wichtigsten Traum, ein Gedenkstein erinnert heute daran. Nach Abriss des Gebäudes mit Adresse Himmelstraße entstand von 1961 bis 1963 im Auftrag der Stadt Wien das Ausflugsrestaurant Bellevue, mangels Erfolgs und nach Jahren der Verwahrlosung wurde es 1982 abgetragen.

In den USA, vor allem in den Südstaaten, gibt es übrigens kurioserweise mehr als vier Dutzend Orte namens Belvedere oder Bellevue und noch 20 mehr, wenn man Belvidere dazuzählt. Bella Vista als Bezeichnung für Orte und Regionen finden wir hingegen vor allem in spanischsprachigen Ländern, obwohl der Ausdruck ursprünglich aus dem Italienischen stammt.

Bleiben wir beim Original: Woher rührt die Beliebtheit dieses schmückenden Namens? Oft mag das Panorama der Anlass sein. Dazu kommt wohl das mit dem Wort „Belvedere“ assoziierte Prestige, und außerdem klingt es einfach gut, egal wie attraktiv der Blick auf die Umgebung ist oder ob es überhaupt um eine Aussicht geht. Also gibt es einen britischen Transporthubschrauber, ein Automodell von Chrysler, einen polnischen Wodka dieses Namens, eine kanadische Punkband, und vieles Erstaunliche mehr.

 

 

 

Artikel erstmalig erschienen im "Belvedere Kunstmagazin" Nr. 2-2024.

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