So gut wie unsichtbar
Das neue Visitor Center des Belvedere
Das neue Visitor Center für das Obere Belvedere, entworfen vom Grazer Architekturbüro epps, soll alles bieten, was dem denkmalgeschützten Schloss und seinen Besucher*innen derzeit fehlt.
epps Ploder Simon ZT GmbH
Isabella Marboe
„Come for a Kiss!“ Das Obere Belvedere ist das meistbesuchte Kunstmuseum Österreichs. Im Jahr 2025 wurden allein an diesem Standort des Belvedere 1,5 Millionen Menschen erwartet.* „Wir freuen uns über das stetig wachsende Publikumsinteresse. Doch das Barockschloss ist für diesen großen Zustrom nicht ausgelegt“, erklärt Geschäftsführer Wolfgang Bergmann die Dringlichkeit der Errichtung des geplanten Visitor Center. „Nur so kann auch in Zukunft eine hohe Qualität des Aufenthalts gewährleistet werden.“ Denn, ergänzt Generaldirektorin Stella Rollig, „nicht nur die Sammlungspräsentation, die Sonderausstellungen und die Vermittlung, auch der gesamte Servicebereich soll sich auf höchstem Niveau zeigen“.
2023 schrieb man einen internationalen Wettbewerb für die Planung des Visitor Center aus. 82 Architekt*innenteams nahmen teil, nach drei Tagen intensiver Diskussion kürte die Jury das Grazer Büro epps architekten – Ploder Simon zum Sieger.
„Eine Lichtdecke soll das Gefühl vermitteln, man hätte den Himmel über sich.“
Petra Simon
Isabella Marboe
Ein großes Neubauvolumen in eines der bedeutendsten Baudenkmäler Österreichs zu implementieren ist eine sehr komplexe Aufgabe. Was hat Sie daran interessiert?
Petra Simon
Wir haben uns viele, viele Jahre mit dem Bauen im Bestand beschäftigt. Dabei fragen wir uns immer: Was war? Was ist? Und was wird gebraucht? Diese Weiterentwicklung von Zeitschichten, in denen wir alle verwurzelt sind, interessiert uns.
Isabella Marboe
Das Belvedere zählt zum UNESCO-Weltkulturerbe. Was bedeutet es, sich Bestand von so außergewöhnlich hoher Qualität anzunähern?
Elemer Ploder
Das Belvedere ist ja ein eigener Kosmos. Die Vertreter*innen des Bundesdenkmalamts haben definiert, dass Einbauten oder größere Öffnungen im südlichen Garten überhaupt nicht zulässig beziehungsweise auf ein Minimum zu reduzieren sind. Sie dürfen optisch nicht in Erscheinung treten.
Isabella Marboe
Wie lässt sich in einen geschlossenen Kosmos eingreifen, ohne diesen zu stören?
Petra Simon
Letztendlich erschließt sich ein Gebäude über die Wahrnehmung. Wir wollten, dass Besuchende ein Teil des Kosmos Belvedere werden. Diese persönliche Begegnung mit dem Gebäude war uns sehr wichtig.
Isabella Marboe
Derzeit ist es beim Eingang schwierig, sich zu orientieren. Man steht nämlich vor der Schmalseite eines Seitenflügels des Schlosses, nicht vor dessen Hauptfront. Und neben dem Gartentor ist noch dazu der Kavalierstrakt!
Petra Simon
Unser Ziel war, Lust aufs Belvedere zu machen. Die meisten wollen einfach nur Klimts Kuss sehen.
Elemer Ploder
Und ein gutes Instagram-Foto davon machen.
Petra Simon
Sie bekommen aber vom Belvedere selbst nichts mit.
Elemer Ploder
Man müsste richtigerweise vom Gürtel, also vom Löwentor im Süden, kommen. Dort entfaltet sich die barocke Inszenierung mit dem Teich, dem Garten und dem Schloss am besten.
Isabella Marboe
Wie löst man das Problem, dass man eigentlich auf der falschen Seite steht?
Elemer Ploder
Die meisten Tourist*innen kommen über die Prinz-Eugen-Straße. Deshalb hat die Ausschreibung auch dort den Hauptzugang vorgeschrieben. Das hätte uns kein Entree ermöglicht. Wir legten den Haupteingang also zum Pfirsichgarten an der Prinz-Eugen-Straße hin. Dem Bundesdenkmalamt liegt eine Rekonstruktion aus dem Jahr 1850 vor. Diesen Zustand wird es wieder geben, und den stellten wir in unseren Plänen dar.
Petra Simon
Wir erzeugen eine Dramaturgie des Weges. Man betritt das Besucher*innenfoyer im seitlichen Sockelbereich am Eck des Kavalierstrakts. Von dort geht man etwa einen Meter hinunter und befindet sich dann unter dem jetzigen Ticketoffice. Dort nehmen wir die Decke heraus, dadurch reicht der Raum bis zum Gewölbe. Das ist ein sehr schönes, hohes Entree, von dem ein paar Stufen auf ein Podest hinunterführen. Dort dreht man sich um 90 Grad und steht im Foyer mit dem runden Oberlicht.
Elemer Ploder
Dort kann man sich orientieren, sehen, welche Ausstellungen es gibt, wo man ein Ticket kaufen kann und so weiter. Auch der sogenannte Sicherheitscheck kann dort stattfinden.
Isabella Marboe
Das Visitor Center hat ein riesiges Volumen, das gleichermaßen unsichtbar sein muss. Von welcher Dimension sprechen wir da?
Elemer Ploder
Maßgeblich sind die 900 Personen, die sich derzeit pro Stunde im Schloss aufhalten können. Die brauchen großzügige Garderoben und einen Shop, für den wir eine sehr schöne Lösung gefunden haben. Er entwickelt sich längsseitig der Halle an einer langen, sehr flachen, rampenartigen Stiege mit vielen Zwischenpodesten. Dazu kommen jede Menge Technik-, Lager-, Nebenräume und Infrastruktur für Caterings. Kurz: alles, was im alten Schloss fehlt.
Petra Simon
Das Visitor Center ist so etwas wie eine Pufferzone für alle, die auf ihren Time-Slot warten. Unser Raum bietet eine hohe Aufenthaltsqualität. Beim Shop gibt es einen Rampenverlauf. Alles muss barrierefrei sein, sowohl für Menschen mit Beeinträchtigungen als auch für die vielen Eltern, die mit Kinderwägen und kleinen Kindern unterwegs sind.
Isabella Marboe
Das Visitor Center befindet sich unter der Erde. Was haben Sie getan, damit man sich nicht wie im Keller fühlt?
Petra Simon
Eine Lichtdecke soll das Gefühl vermitteln, man hätte den Himmel über sich.
Elemer Ploder
Wir erzeugen eine großzügige Halle, in der etwas passieren kann. Daher gibt es eine Kassettendecke aus Beton, die stützenfrei 20 Meter überspannt. Die Konstruktion bestimmt das Material, dies wollen wir auch zeigen.
Petra Simon
Man muss immer Orientierung schaffen. Durch zwei runde Oberlichter beim Mittelrisalit des Belvedere kann man von der Halle nach oben in Richtung Schloss blicken.
Elemer Ploder
Diese Lichtöffnungen flankieren die zweiläufige Freitreppe nach oben, sie vermitteln zwischen der Öffentlichkeit und der Institution Museum. Mit diesen zwei Treppen durchdringt der Neubau den Bestand. Wenn man sich hinaufbewegt, hat man eine erste Idee, was eine*n oben erwartet. Man folgt der Untersicht der Prunktreppe, sieht schon die Stichkappen und das Gewölbe. Es ist ein fließender Übergang.
Petra Simon
Die große Geschichte erzählt das Belvedere. Am schönsten wäre, wenn es uns gelänge, aus diesem Bewegungsraum einen Begegnungsraum zu machen.
Artikel erstmalig erschienen im "Belvedere Kunstmagazin" Nr. 2-2024.
*Anm.: Angegebene Zahlen wurden im Zuge der Neuveröffentlichung 2026 aktualisiert.