Im Finale
Anton Bruckner im Belvedere. Ein imaginierter Monolog
Anton Bruckner (1824–96) in seinem letzten Lebensjahr im Kustodentrakt des Belvedere.
Ein imaginierter Monolog von Rüdiger Görner.
Rüdiger Görner
Johannes Stoll
Zu spät, wie alles: zu spät – selbst diese Blütenpracht im Schlossgarten. Ich im Schloss, der Tonerl aus Ansfelden … gehtʼs mit rechten Dingen zu? Das glaubt doch keiner. Erst vor einem Monat habʼ ich hier Einzug gehalten mit allem, was sich in einem Komponistenleben so ansammelt, das Klavier zuvörderst, die Partituren, Skizzen, das Totenbild der Mutter … Welche Wohltat das hier ist: alles zu ebener Erde erreichen können. Unten in der Stadt soll’s jetzt eine elektrische Straßenbahn geben, auf der Strecke Wallgarten – Prater – Vorgartenstraße, hat die Frau Kathi erzählt und g’meint, sie würdʼ sich’s wagen. I net. Was soll mir das? Ein Fiaker, der unter Strom steht, habʼ ich zur Frau Kathi gʼsagt. Gʼlacht hatʼs, die Frau Kathi, wie nur sie lachen kann, so ganz von unten herauf hatʼs gʼlacht.
Ich muss Hochwürden schreiben und Ihrer Durchlauchtigsten Durchlaucht, der Marie Valerie, ihr verdanke ich diese Ebenerdigkeit hier beim Prinzen Eugen. Man sagt, er geistere hier. Kannʼs nicht bestätigen. Habʼ ihn noch nie geistern gesehen, zur Mitternacht, auf seinem Schimmel. Obschon, jede Stundʼ ist mir Geisterstundʼ. Ich ruf sie auch, die Geister, nicht den Prinzen, aber die Klanggekrönten, wieʼs die Erzherzogin eine ist. Das ist jetzt wieder so ein Wort, das mir gradʼ in den Sinn kam. Würden sie mir das zutrauen, ein solches Wort, klanggekrönt, unten in der Stadt? Wer war jetzt klanggekrönt? Vor lauter schönem Wort hab’ ich vergessen, wem’s zugehört? Ach so, ja, der Durchlauchtigsten Durchlaucht, der Musikverständigsten bei Hofe, auf die auch Seine beinahe taube apostolische Majestät hört; durch sie hat er mich erhört. Wohnung im Kustodenstöckl mit all den Blumen. Und sonst? Seine Kaiserliche Hoheit, Franz Ferdinand, residiert noch hier, aber auch erst seit einem Jahr. Hat’s aber nicht mit der Musik, so gar nicht.
Und wieder rufen sie, rufen unerhörte Klänge hervor, rufen einander, rufen mich, die Hörner. Nur so konnte sie beginnen, damals, vor nun schon acht Jahren, die Letzte, die Ungeahnte, aber mehrfach Unterbrochene, die noch nicht wissen kann, wo und wie und wann sie ausklingt. Feierlich ist ihr zumute, meiner Letzten, scherzohaft bewegt, adagierend, eine Feier der Musik stiftend, Takt um Takt, Periode um Periode, d-Moll, nichts als Steigerungen, die Form spielt sich frei, darin liegt ihr Geheimnis. Wer das hörte, meinte: monumental. Ja, schon, ein Monument für die Musik. Musik ist geschaffenes Mysterium, sagte ich immer im Seminar drunten in der Stadt … − was aber dem noch nachstellen im Finale? Worauf will das hinaus?
Der Tonerl hatʼs gut, sagen d’Leut’: solche Sonnenaufgänge hier oben und die Untergänge. Zwar ist das hier kein Berg, aber eine Anhöhe immerhin; nicht wie damals auf der Rigi, wo die ersten Strahlen der Sonne die Felsen glitzern ließen. Aber dieses erste und letzte Licht über der Stadt, wie ein Köcheln von lauter Lichtpunkten, in denen das Nachtgrau sich langsam auflöst oder durchlöchert wird, wie im Adagio meiner Achten, wenn die Harfen einsetzen; dann blendende Lichtwirbel und wieder ein Absinken … Aufgang und Untergang werden eins, ununterscheidbar … aber heute regnetʼs, ein Kälteeinbruch mitten im Spätsommer, die Blumen frieren, aber die Amseln singen dennoch. Habe ich je einen Tierlaut in meiner Musik versucht? Nein, nicht nachzuahmen, sondern zu schaffen, den Laut eines bis dahin unbekannten Tieres, wie es irrlichtert, über die Steyrischen Felder oder über die Abhänge bei St. Florian.
Wieder diese Rufe. Mutter, du? Die Schattenspiele auf der Schlosswand. Haben sich Ihre Majestäten angesagt? Kathi, ist etwas vorbereitet? Es ist gut, Meister Anton. Sie hat mich noch nie so genannt, noch nie …
Es ist gut? Johannes 16, aber welcher Vers? Ja, Vers sieben: Es ist gut für euch, dass ich weggehe. Denn wenn ich nicht weggehe, kommt der Tröster nicht zu euch.
Ich gehe also, bettlägerig, wie ich geworden bin, aber ich gehe weg – ins Unbekannte und doch Vertraute. Te deum, ein Schall; Kyrie, kein Rauch, adagio misterioso, Töne im Krebsgang. Es war genug. Es ist genug, wenn ich weggehe. Dort, die Ufer unerhörter Klänge, dorthin muss ich gehen. Trost ist im Gehen – in die taghelle Nacht.
Artikel erstmalig erschienen im "Belvedere Kunstmagazin" Nr. 2-2024.
Rüdiger Görner, emeritierter Professor für Germanistik und Komparatistik, verfasste die Biografie Bruckner. Der Anarch in der Musik, erschienen bei Zsolnay zum 200. Geburtstag des Komponisten.